Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Alles andere was zu Bonsai passt.
Antworten
Benutzeravatar
Norbert_S
BFF-Autor
Beiträge: 8150
Registriert: 09.08.2006, 08:30

Re: Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Beitrag von Norbert_S »

Ich möchte die im Vorpost gestellte Frage gerne für sich stehen lassen und hier meine Gedanken, wieso ich diese Fragestelung nicht nur für unwichtig sondern sogar für wenig förderlich halte, grob darlegen.
Wenn wir hier diskutieren war ein guter Baum ist, legen wir zeitgleich fest, was ein schlechter unguter... Baum ist.

Das ist in unserem bipolaren denken so festgelegt und führt in vielen Bereichen des täglichen Lebens zu den größten Schwierigkeiten.
Natürlich ist die eigene Position die Gute. Das dadurch automatisch abweichende Positionen zu den nichtguten werden, führt zu der in vielen Bereichen anzutreffenden Sprachlosigkeit. Besonders dann, wenn mit oder unter der Begründung des Guten ein gehörig Maß an Desinformation verbunden ist.
Leicht wäre hier ein Bogen zu den aktuellen politischen Debatten geschlagen, der Hintergrund ist derselbe.

Aber auch im Bonsai sind wir diesen Abläufen ausgesetzt.
Immer wieder auf Ausstellungen prämiert, im Forum beklatscht und in den Fachmedien bejubelt wird die Form der Mädchenkiefern nahezu kritiklos eingeengt, auf Eiben und sogar auf Oliven übertragen. Immer wieder die gleichen Bilder. Das also ist es, so muss es gemacht werden!

Und dann gibt es zwei kleine Sternstunden in einem Monat.
Die neuesten Ausgaben der BA und des BCD.
In der BA sehen wir wirklich alte Mädchenkiefern in eigener Gestaltung und im Quartalsheft des BCD schreibt Herbert Ostermeyer über den 360°Blick im Bonsai.
Da lohnt es sich, das innehalten und nachdenken.

Mir ist es wichtig, das jeder für sich seine Entscheidungen zu seinen Vorlieben in der Gestaltung trifft.
Vielfalt anbieten und anregen zur eigenen Entscheidungsfindung erachte ich als wichtiger als das "Gute" vorzusortieren.

Chris hat mir einmal während einer guten UNterhaltung über Bonsai gesagt: "Jeder muss sich seinen eigenen Messias suchen!"
Darin liegt für mich viel Wahrheit.
Die meisten von uns sind keine Allrounder; in unseren handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten beschränkt, wollen wir trotzdem mit unseren Bäumen arbeiten, sie pflegen und mehr oder weniger bewusst auch ausdrücken.
Eine übermäßige Verengung wird dem nicht gerecht.
Norbert

So wie du bist, so sind auch deine Gebäude
Sullivan, 1924
Benutzeravatar
zopf
Mentor
Beiträge: 7070
Registriert: 19.05.2005, 14:18
Wohnort: Bergisches Land

Re: Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Beitrag von zopf »

Hallo Norbert
Wenn Du an einem Baum einen Zweig schneidest,
welche Beweggründe veranlassen Dich dazu ?
Arrogant wirkend, aber trotzdem meiner Meinung nach,
weil Du Ihn als ungut befindest.

Mein Betriebssystem ist wohl inkompatibel, da lass ich´s lieber.
mfG Dieter
grüsse an die bewohner von melmac
hwolf
BFF-Autor
Beiträge: 1569
Registriert: 17.08.2015, 21:16
Wohnort: Steimbke

Re: Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Beitrag von hwolf »

Hi,

ich glaube, dass Norberts Ausführungen (die ich für sehr klug halte) haben eine andere Grundannahme zum Ausgang. Die Frage, ob man einen Baum für Ungut hält, impliziert ja auch gleich die Frage danach, warum das so ist.
Dieses "Bezugssystem" von äthetischen Entscheidungen war in der bisherigen Diskussion ein kollektives - Norbert hat uns nun ein individualistisches Ästhetikmodell vorgestellt.

Warum ein Baum Ungut ist könnte demnach entweder mit einer Mehrheitsentscheidung eines Kreises von Verständigen (dies führt zu Regeln) oder durch seine eigene Formschlüssigkeit (Ästhetik ist dann eher Optimierung) und dem Herausarbeiten seiner individuellen Potenziale begründet werden. Dann gäbe es keine "Stilentscheidungen" und "Regelbrüche" mehr, sondern nur die Frage, ob ein Gestalter mit dem Baum das "Bestmögliche" geschaffen hat, zu dem der Baum fähig war.
Interessanter Gedanke, der dann aber wieder danach fragt, was diese Potentiale sind und welches Stadium eines Baumes ein legitimer Startpunkt dafür wäre, das "Beste" aus ihm heraus holen zu wollen...

LG
h
tamandua
Beiträge: 198
Registriert: 10.07.2007, 15:55

Re: Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Beitrag von tamandua »

hwolf hat geschrieben: Warum ein Baum Ungut ist könnte demnach entweder mit einer Mehrheitsentscheidung eines Kreises von Verständigen (dies führt zu Regeln) oder durch seine eigene Formschlüssigkeit (Ästhetik ist dann eher Optimierung) und dem Herausarbeiten seiner individuellen Potenziale begründet werden. Dann gäbe es keine "Stilentscheidungen" und "Regelbrüche" mehr, sondern nur die Frage, ob ein Gestalter mit dem Baum das "Bestmögliche" geschaffen hat, zu dem der Baum fähig war.
Interessanter Gedanke, der dann aber wieder danach fragt, was diese Potentiale sind und welches Stadium eines Baumes ein legitimer Startpunkt dafür wäre, das "Beste" aus ihm heraus holen zu wollen...

LG
h
Du nennst hier bedeutende Aspekte, die das Empfinden für Schönheit beeinflussen, nämlich einserseits das Herausbilden von Regeln durch eine als fachkundig anerkannte und daher dazu vermeintlich befähigte "Elite", andererseits die gänzlich vom Individuum ausgehende Betrachtung, die losgelöst von diesen Regeln ist.

Naiv wäre es allerdings anzunehmen, dass es nur die eine Wahrheit gibt. Tatsächlich ist es so, dass beide Aspekte gleichzeitig eine wichtige Rolle spielen. Durchforstet man allein die Threads in diesem Forum, so findet man unzählige Beispiele für Bäume, die sowohl an klassischen Regeln als auch an ihrer Individualität gemessen werden.

Das ist ein ganz alltäglicher Vorgang, zumal im Bereich der Künste und im speziellen Fall Bonsai, denn wir arbeiten an lebenden Wesen, die selbstverständlich unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen und sich daher nur näherungsweise festen Regeln der Gestaltung unterwerfen lassen.

Letztlich führt mich das wieder zu dem Fazit, dass Schönheit und damit auch die Definition, was ein guter Baum ist, stets das ist, was ein Betrachter für schön und einen guten Baum hält. Diese Definition geschieht im stetigen Abgleich des eigenen Schönheitsideals mit dem der (gefühlten oder tatsächlichen) Mehrheit, bleibt aber immer, wenn vielleicht auch nur in Feinheiten, individuell. Jeder Versuch der alles umfassenden Definition "von oben" muss daher scheitern.

Beste Grüße
Thomas
Benutzeravatar
Tomsai 92
Beiträge: 947
Registriert: 25.02.2008, 18:59
Wohnort: Heidelberg
Kontaktdaten:

Re: Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Beitrag von Tomsai 92 »

Ohne Norberts sonstige Aussagen widerlegen zu wollen denke ich auch, dass eine Definition von guten und schlechten Bäumen nicht in jedem Fall zu einer Eingrenzung der ästhetischen Vielfalt führt.

Ob wir es wollen oder nicht, Dieters Frage nach dem „guten Baum“ müssen wir uns jedes Mal unweigerlich selbst beantworten sobald wir eine Pflanze auf dem Weg zum Bonsai beeinflussen. Wir ziehen uns dann meist unsere Erfahrungen und alles bewusst Gesehene zurate. Oftmals also auch das aus meiner Sicht stereotype Bild der „Elitebonsai“ Europas. Ich suche jedoch gezielt nach dem was über die bekannten Möglichkeiten hinaus geht. Die wenigsten hochwertigen Bonsai geben mir ein ähnliches Gefühl wie jene realen Baumszenarien, die ich so bewundere. Ich mache Bonsai, weil ich Bäume mag und mag keine Bäume weil ich Bonsai mache! Der Natur traue ich schlichtweg mehr zu als dem engstirnigen Menschenverstand. Und das einzige Konkrete das sie mich bisher gelehrt hat ist ihr unendlicher Formenreichtum.
Was wäre, wenn es uns gelingt eine Definition zu erstellen, die nicht ein Urteil fällt, sondern den Kern dessen trifft wonach nicht nur wir als passionierte Amateure suchen, sondern bestenfalls auch die Profis? Suchen wir bei Bonsai nicht danach der Seele eines denkwürdigen Baumes Ausdruck zu verleihen? Was bringt uns da ein menschlicher Messias?
Mit offenen Augen das Formenspektrum der Bäume zu studieren halte ich für zielführender als mich der begrenzten Vorstellungskraft eines Messias zu unterwerfen. Bei Bonsai liegt für mich der Reiz darin Bäume jenseits des ganzen menschlichen Gedöns zu gestalten. Bäume haben sich ohnehin als dankbarer erwiesen, wenn man ihnen Möglichkeiten aufzeigt sich zu entwickeln...
Von fundamentaler Bedeutung ist also wovon wir unsere Entscheidungen leiten lassen. Von unserem Verlangen Harmonie und Schönheit ausdrücken zu wollen, von dem positiven Eindruck anderer Bonsaigestaltungen die sich in unseren Köpfen ohne Hinterfragung als Referenzen festgebrannt haben, von Bäumen in ihrem natürlichen Umfeld, ... Provokant und stupide vereinfacht gesagt wird somit ein zurückgebliebener Neonazi eher eine starke deutsche Eiche anstreben, ein nach Ruhm lechzender italienischer Bonze den spektakulärsten Wacholder suchen und jemand wie Andreas Ludwig (den ich hier ebenfalls sehr vermisse) stellt einfach ein paar regionale Shohin im Kunstmantel aus...
Unsere Bonsai sagen oft mehr über uns und unsere Hoffnungen aus als wir es aktiv realisieren.



Also, ohne Anspruch auf Richtigkeit, Vollständigkeit, etc. hier mein persönlicher zum Scheitern verurteilter Versuch:
zopf hat geschrieben:Was ist ein guter Baum?
Ein guter Baum ist das schlüssige Zusammenspiel all seiner ästhetischen Elemente (egal welcher Art!), bei der jedoch die Qualität der Einzelelemente einen Minimumfaktor darstellt.
D.h. das Gesamtwerk ist maximal so gut wie sein minderqualitativstes Element.
Dabei sei die Art des sich aus dieser Komposition ableitenden Ausdrucks kein logischer Anhaltspunkt um über gut oder schlecht zu entscheiden.

Ein karger ausgehungerter Kiefernliterat mit sehr spärlichem Laub und stark reduzierten Elementen kann ebenso „sehr gut“ sein wie ein sehr komplexer dickstämmiger Taiwanesenbaum, der viel mehr Ausdruckselemente beherbergt.

Die Drahtnarben an Walter Palls Linden, unlogisch platzierte große Wunden an Bäumen die aufgrund ihres Habitus' augenscheinlich unter Idealbedingungen leben oder abrupte Verjüngungssprünge zwischen dicken narbenfreien Dreispitzahornstämmen und dünnen Hauptästen, wären Beispiele für Minimumsfaktoren.

Das heißt allerdings nicht, dass eine Verletzung der Logik nicht auch ein sinnvolles Gestaltungselement darstellen kann! Ein Schweizer-Käse-Baum mit verknoteten Ästen oder ein Sumowacholder mit grotesken Totholzdimensionen kann bewusst seltene Naturschauspiele pittoresk abstrahiert anspielen. In solchen Fällen wird die Diskussion über Qualität und Logik dann zur Gratwanderung. Das Zusammenspiel der Einzelelemente entscheidet dann umso auffälliger über gut oder schlecht.



Oder so ähnlich.
tamandua
Beiträge: 198
Registriert: 10.07.2007, 15:55

Re: Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Beitrag von tamandua »

Tomsai 92 hat geschrieben: Was wäre, wenn es uns gelingt eine Definition zu erstellen, die nicht ein Urteil fällt, sondern den Kern dessen trifft wonach nicht nur wir als passionierte Amateure suchen, sondern bestenfalls auch die Profis? Suchen wir bei Bonsai nicht danach der Seele eines denkwürdigen Baumes Ausdruck zu verleihen? Was bringt uns da ein menschlicher Messias?
Tom, du hast ein hehres Ziel und es ist absolut erstrebenswert, sich deiner klug formulierten Definition anzunähern. Jeder Baum ist ein Individuum und sollte (muss!) zwangsläufig auch als solches betrachtet werden.

Allerdings, so schön es wäre, ein absoluter Konsens ist niemals zu erreichen. In der Natur des Menschen liegt es, in Kategorien zu denken und mindestens bis zu einem gewissen Grad Idealen nachzueifern, die von Vorbildern vorgelebt werden. Dies lässt sich nicht ändern, es is evolutionär fest in uns verankert. Das ist keinesfalls schlimm, man muss diesen Umstand allerdings realisieren und akzeptieren.

Daher denke ich, wir alle sollten danach streben, etwas milder mit für unser Empfinden vermeintlich "unschönen" Dingen (hier: Bäumen) umzugehen, die, ganz wie du schreibst, vielleicht dennoch ihr Potenzial ausgeschöpft haben und anderen Menschen daher als schön, gelungen und gut erscheinen. Toleranz ist ein hohes Gut, das jedem Menschen gut zu Gesicht steht.

Und dennoch müssen wir uns eingestehen, dass wir das Denken in Kategorien (und damit auch die Einteilung in gut und schlecht, schön und hässlich) niemals ganz werden ablegen können. Das ist in Ordnung, da menschlich. Und es ist kein Problem, solange wir uns immer wieder bewusst werden, dass unser Gegenüber diese Kategorien vielleicht ganz anders definiert.

Deine Definition ist also eine schöne, erstrebenswerte Theorie, ist aber tatsächlich (wenn sie allgemeingültig sein soll) zum Scheitern verurteilt.

Beste Grüße
Thomas
Benutzeravatar
Norbert_S
BFF-Autor
Beiträge: 8150
Registriert: 09.08.2006, 08:30

Re: Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Beitrag von Norbert_S »

müssen wir uns jedes Mal unweigerlich selbst beantworten
Darauf lohnt es ein wenig zu verweilen.
Als Endprokukt eines Prozesses, der eigenständig und möglichst frei geführt wurde, finde ich das ok, weil ausschließlich selbsreflektierend.
Semantik auf die Spitze treiben muss nicht sein.

Ich halte Formulierungen wie stimmig oder schlüssig in der Gestaltung für angebrachter.
Für mich gibt es zielführende Schr(n)itte und weniger zielführende, Brüche in der Gestaltung etc.. Aber diese Bewertung sollte sich an einem formulierten Ziel orientieren.
In anderen Bereichen ist mir ein begründeter Standpunkt lieber als ein guter.

Die Frage nach der gestalterischen Absicht des Pflegers lese ich viel zu selten, aber ebensowenig verstehe ich Threads in denen um Hilfe gebeten wird ohne auch nur die geringste eigene Vorstellung zu formulieren.

Sicherlich sind die Bewertungskriterien nicht aus der Luft gegriffen, Regeln haben sich entwickelt, sind nicht bezugslos vom Himmel gefallen.
Und trotzdem unterliegen die gestalterischen Ergebnisse den Einflüssen zeitlicher Strömungen. Ein Blick in Ausstellungsbände über Jahrzehnte liefert da gutes Anschauungsmaterial. Das vermeintlich Gute ist also sehr relativ.

Das BFF verstehe ich als Plattform auf Hobby-Ebenen.
Wohl wissend wie ernsthaft und mit großem Zeit- und Geldaufwand es von einigen betrieben wird, sollte die Freude am Baum doch der Maßstab sein.

Habt ihr hier schon jemals gelesen, dass jemand statt des geplanten drahtens, Blattschnitts o.Ä. einfach nur eine halbe Stunde seinen Baum angesehen hat und das Gefühl hatte, ihn zum 1. Mal richtig gesehen zu haben?

Letztlich läuft es hier genauso wie im Sport. Die einen nehmen Trainerstunden und investieren viel um ihrem eigenen Antrieb gerecht zu werden, die anderen laufen durch den Stadtwald und selbst das aus vielfältigen Gründen.
Das rechte Maß für sich persönlich zu finden ist die entscheidende Frage.
Aber damit bin ich jetzt weit weg von Toms Ausgangspost.
Norbert

So wie du bist, so sind auch deine Gebäude
Sullivan, 1924
Benutzeravatar
zopf
Mentor
Beiträge: 7070
Registriert: 19.05.2005, 14:18
Wohnort: Bergisches Land

Re: Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Beitrag von zopf »

Hallo
Vor vielen Jahren bei einem runden Geburtstag,
fragte mich die Jubilarin ob Ihr neu erstandenes Kleid dem großen Fest Rechnung tragen würde.
Entgegen meiner Meinung habe ich mich damit rausgeredet,
das wenn es Ihr gefällt, ein schönes Kleid ist.
So viel Höflichkeit und Nettigkeit ist nicht so mein´s.

Warum schreibe ich wohl so gut wie nichts mehr zu Bäumen,
warum auch nicht in der "anspruchsvollen" Masterclass ?

Wie wäre es mit 2 neuen Stilen ?
Der "schöne Baum Stil" und als Ergänzung der "naive Baum Stil".

Hat das etwas mit Tom´s ursprünglichen Worten zu tun,
in meinen Augen sehr viel.
Tom meint das es mehr gibt als das z.B. auf Ausstellung Gezeigte.
Er hat Recht damit, aber wie soll man sich dem nähern ?
Das "Wir haben uns Alle lieb" Prinzip ist schön für ein Schmuseforum,
aber nach meinem Verständnis sollte auch noch ein kleines Eckchen
für das Fach im Forum bleiben.
Zumindest soviel das ich nicht lieber "DSDS" schaue.

mfG Dieter
grüsse an die bewohner von melmac
Benutzeravatar
abardo
Beiträge: 5946
Registriert: 21.09.2014, 20:35
Wohnort: knapp neben Berlin
Kontaktdaten:

Re: Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Beitrag von abardo »

Hi,

da kristallisiert sich in den letzten Posts für mich folgendes heraus:

Ein guter Baum ist nicht nur abhängig vom Betrachter, sondern auch vom Können und dem Anspruch des Gestalters.

Das ergibt dann 100erte Stufen eines "guten Baums", z.B.:
  • ein Anfänger hat einen Baumarkt-Ficus und findet ihn gut. Weil er andere Bonsai nie gesehen hat, muss man ihm zugestehen, dass er ihn gut finden kann
  • ein Hobby-Bonsaianer möchte sich einfach nur mit der Pflege beschäftigen, solange die Bäume überleben, sind sie gut
  • ein Hobby-Enthusiast möchte seine Bäume über die Zeit entwickeln, jeder Fortschritt macht einen besseren Baum
  • ein "Hobby-Profi" mit viel Erfahrung und einer stattlichen Sammlung möchte seine Arbeit zeigen, auch mal ausstellen und nahe an die Profis rankommen, hält sich an jede Regel und hat gute Bäume
  • ein Profi und Lehrer orientiert sich an Erfahrung und Gelerntem und hat Bäume, die auch von anderen Profis gewürdigt werden
  • ein Händler orientiert sich am Markt, was sich verkauft, ist gut
  • ein Hobby-Profi ist vielleicht von den ausgestellten Profi-Bäumen gelangweilt und will sich lieber überraschen lassen, jedes "anders" findet er gut
  • usw. usw.
Je nachdem wären dann schlechte Bäume:
  • ein Anfängerbaum, der stirbt
  • ein schlecht gepflegter, verwilderter Baum
  • ein ausgestellter Baum, der so aussieht wie hunderte vor ihm
  • ein Profi-Baum, der den "Regeln" widerspricht, obwohl der Profi genau diese Regeln seine Schülern immer wieder nahe legt
Der eine guckt halt DSDS und amüsiert sich an den Nichtkönnern, der andere guckt The Voice und freut sich an jedem, der wirklich was kann, der Dritte singt lieber unter der Dusche (und das gar nicht mal schlecht), der nächste guckt nachts Jazz-Konzerte auf 3SAT, je schräger, je besser und wieder einer mag und macht das alles.
Grüße, Frank
___________
Ich will nur noch hupen !
Benutzeravatar
Norbert_S
BFF-Autor
Beiträge: 8150
Registriert: 09.08.2006, 08:30

Re: Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Beitrag von Norbert_S »

Dieter,
genau für den von dir beschriebenen Anteil "Fach" ist doch die Masterclass im besonderen geschaffen worden.
Das wir es bisher nicht geschafft haben dem gerecht zu werden, liegt an uns.

Die unterschiedliche Ernsthaftigkeit mit der wir das Hobby betreiben kann doch nicht bestritten werden. Und daraus abgeleitet ergeben sich doch selbstverständich unterschiedliche Zielvorstellungen.
Aber genauso wie es richtig und höflich war deine Antwrt zum Kleid zu formulieren, ist die Wortwahl in einem für die ganze Welt offenen Forum eben auch nicht bedeutungslos.
Zielgruppenanalyse macht nicht nur im Frontalunterricht Sinn.
Die Kunstkritik ist noch nie besonders feinfühlig gewesen. Sie spielt aber auf der Profiebene.
Die Beurteilungen/Kritiken des Laientheaters und der Ausstellungen von Hobbykünstlern fallen schon im Ton moderater aus und sind der Lokalpresse vorbehalten.
Nichts taugt für alles!
Norbert

So wie du bist, so sind auch deine Gebäude
Sullivan, 1924
tamandua
Beiträge: 198
Registriert: 10.07.2007, 15:55

Re: Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Beitrag von tamandua »

Hallo zusammen

In diesen beiden Kernaussagen liegt viel Wahrheit, geben sie doch am besten wieder, wie wir als Menschen unweigerlich "ticken".
abardo hat geschrieben: Das ergibt dann 100erte Stufen eines "guten Baums"
Norbert_S hat geschrieben: Nichts taugt für alles!
"Jeder Jeck ist anders" sagt man in Köln, die Rheinländer sind eben wahre Menschenkenner ( :wink: ).
Dies erklärt auch, warum Diskussionen über "gut" und "schlecht" in aller Regel endlos ausufern, sich im Kreise drehen und niemals zu einem echten Konsens aller Beteiligten führen, wenn mehr als eine Handvoll Diskutanten involviert ist. Jeder hat das Bedürfnis, seine Sichtweise auf die Dinge und die Qualität eines Baumes zu verteidigen. Da es unzählige Sichtweisen gibt, wird so immer wieder Öl ins Feuer der Diskussion gegossen.

Absolut falsch wäre es aber, nun gänzlich auf Kritik und Diskussionen zu verzichten, nur weil ja ohnehin jeder Mensch seine eigene Sichtweise hat und diese nur begrenzt ändern wird. Ganz im Gegenteil: Diskussionen und Kritik, solange sie sachlich geführt und geäußert werden, dienen dem wichtigen Meinungsaustausch und damit dem Abgleich des eigenen Schönheitsideals (und anderer Ideale) mit dem anderer Menschen. Wichtig ist allerdings, dass man nach dem Austausch der Meinungen zu dem Konsens kommen kann, dass es eben keinen Konsens gibt und die Diskussion somit (zumindest für eine Weile) beendet oder ruhen lässt. Das Bedürfnis, jede noch so fruchtlose Diskussion sofort zu einem für alle Beteiligten zufriedenstellenden Ergebnis zu führen oder dem Gegenüber gar die eigene Meinung aufzuzwingen, scheitert immer grandios und führt auch im alltäglichen Leben zu großen Problemen. Womit wir wieder bei der Toleranz wären, an deren hohe Bedeutung sich jeder immer wieder erinnern sollte.

Beste Grüße
Thomas
Benutzeravatar
zopf
Mentor
Beiträge: 7070
Registriert: 19.05.2005, 14:18
Wohnort: Bergisches Land

Re: Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Beitrag von zopf »

Hallo
Um mal wieder auf die Farben zurück zu kommen,
es gibt nicht nur schwarz und weiß, also gut und schlecht.
Es gibt auch Graustufen, sogar noch Farben.
Sollten die Worte gut und ungut nicht passen, erfindet welche.
Aber mit welchem Rüstzeug soll sich Kollege Tom (und andere) auf den Weg machen
um neue Bonsaiwelten zu entdecken.
Es geht nicht um, dieser Ast muss dahin, jener dorthin.
Ästhetik auch dieses Wort gefällt Euch nicht,
darf ich wenigstens Proportionen schreiben.

Wie viel unglückliche Bäume, die nicht sein können, was Sie sind,
sollen noch die Bonsaiwelt bevölkern ?
Es seid doch gerade Ihr (na, ja und die Elite) die mit Ihrer Vorbildfunktion
die Baumbilder prägen.
mfG Dieter
grüsse an die bewohner von melmac
Benutzeravatar
Norbert_S
BFF-Autor
Beiträge: 8150
Registriert: 09.08.2006, 08:30

Re: Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Beitrag von Norbert_S »

Ein möglicher Weg ist Farbe wirklich anzubieten.
Gut-schlecht, gut-weniger gut, zielführen- nicht zielführend, angemessen-weniger angemessen; eigentlich auch nur eine Art von Farbe.
Lassen wir sie also zu!
Stellen wir Fragen!
Beziehen wir Position!
Ermuntern wir Position zu beziehen!
Erläutern wir unsere Bäume, begründen sie möglichst komplex!
Stellen wir uns den Fragen!
Fordern wir Fragen!
Lassen wir Zweifel zu.
Zeigen wir "Rüstzeug" auf - Farbenlehre, Harmonie, Proportionen, Pflegegrundlagen etc.....

Das ist aber doch alles nicht neu und wird doch nicht durch die Frage nach der Wichtigkeit eines guten Baumes in Abrede gestellt.
Norbert

So wie du bist, so sind auch deine Gebäude
Sullivan, 1924
Benutzeravatar
abardo
Beiträge: 5946
Registriert: 21.09.2014, 20:35
Wohnort: knapp neben Berlin
Kontaktdaten:

Re: Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Beitrag von abardo »

Was nützt nur die beste Frage, wenn immer seltener eine Antwort kommt, oder nur ein Achselzucken, eine "Watsche" oder eine abwegige Gegenfrage ?
Und "unser Grundgerüst" z.B. in der MasterClass erarbeitet werden könnte, dort aber kaum noch etwas passiert ?

Und wirklich "Neues/Anderes" wird zwar regelmässig gefordert, aber kaum gezeigt.
Grüße, Frank
___________
Ich will nur noch hupen !
hwolf
BFF-Autor
Beiträge: 1569
Registriert: 17.08.2015, 21:16
Wohnort: Steimbke

Re: Nach dem Erklimmen des Gipfels bleibt nur der Abstieg

Beitrag von hwolf »

Moin,

ich kann mir vorstellen, dass Fragen deswegen nicht beantwortet werden, weil man sich nicht darüber austauscht, was man mit der Diskussion erreichen will.
So bilden sich Lager (die Hobbyisten, die das "Gutgerede" riesiger Klopperbäume hinter sich lassen wollen, um noch Spaß an ihrem "Freidhofsmaterial" zu haben VS die Profis, die nur hämisch über Fici-Postings lachen und sich gegenseitig stets belobigen, um dann widerum selbst belobigt zu werden). So stirbt jede Konversationskultur. Wir nennen das einen kommunikativen Defekt.. Den kann man nur beheben, wenn man eine Grundsatzdebatte darüber führt, WIE man eigentlich WARUM über WAS reden will und dann mit den dort gewonnenen Erkenntnissen zurück in die Mikroebene (einzelne Baumbesprechungen) geht, um dort die Diskussion zu verändern. *blubber*

Darum mache ich mal weiter:
die nun hier entwickelten Kriterien nähern sich einem zeitgenössischem "everything goes", nur mit besseren Argumenten.
Ein Wertepluralismus macht binäre Entscheidungen ungültig. Schlüssigkeit ist die Alternative.
Hier ist aber die Gefahr, dass diese Schlüssigkeit eine Beliebigkeit erzeugt. :?

Hier nun also absichtlich ketzerisch gefragt :twisted: :
Was haben wir von einer Diskussion über die Qualität von Bäumen, wenn alle ästhetischen Kategorien in einer Frage ihrer eigenen Begründung liegen? Dann kann man ja jeden Baum "gut reden" :twisted:

Ich glaube, es gibt abseits von Proportionen und Stilen/der Erfüllung der von außen auferlegten Bewertungskategorien durchaus Punkte, die uns eine Diskussion und damit auch Bewertung möglich machen. Drei solche Elements möchte ich hier zur Diskussion stellen:
1. Reife
Durch Alter, Wundzustand und Präsentation zu beurteilen
2. Mythos
Die Gesamtaussage oder Ausstrahlung einer Präsentation, dazu gehört auch ihre Konsistenz (ist das glaubwürdig/ sind Abweichungen von Natürlichkeit begründet?)
3. Verzweigung
eine der Art angemessene, feine, kurze und gut positionierte Verzweigung lässt das Können des Gestalters ersichtlich werden und eine Glaubwürdigkeit der Gestaltung (Bonsai= kleine Bäume) wird erreicht.

Natürlich sind diese Kategorien so nicht vollständig und eigentlich auch auf verschiedenen Ebenen angesiedelt, überschneiden sich auch teilweise. Dennoch kann man, denke ich, so zu einer Skala finden, die die Baumindividuen in den Fokus stellt und gleichzeitig Handwerklichkeit würdigt und auch Vergleichberkeit schafft, die widerum ein Mittel gegen Beliebigkeit ist.

Was denkt ihr?

LG
h
Antworten