Abmoosen ist einfach durchzuführen und führt schnell zu gutem Nebari.
Etwas Theorie muss sein um das Prinzip zu verstehen: der Stamm hat von außen nach innen folgende Schichten: Rinde, Siebteil, Kambium, Splintholz, Kernholz, Mark. Die meisten Schichten sind beim Abmoosen praktisch nicht voneinander zu unterscheiden.
Wichtig ist das Splintholz, das den aufsteigenden Transport von den Wurzeln zu den Blättern leistet. Ebenso wichtig ist das Siebholz, das den Transport der Fotosynthese-Assimilate ("Zucker") von den Blättern zu den Wurzeln übernimmt.
Wird die äußere Siebholz-Schicht abgeschabt kann der obere Pflanzenteil an dieser Stelle langsam neue Wurzel ausbilden. Voraussetzung ist, dass das Splintholz nicht beschädigt wurde.
Ausgangspflanze war hier ein rotlaubiger Acer palmatum Deshojo der zum Shohin gekürzt werden sollte. Warum nicht zweimal übereinander abmoosen und so zusätzliche Jungpflanzen bekommen? Ich habe bis viermal direkt übereinander erfolgreich abgemoost. Dazu muss allerdings genügend Laub vorhanden sein. Der obere Rindenschnitt erfolgt dabei an der Stelle wo das künftige Nebari am besten aussehen wird: z.B. in Verbindung mit der geplanten Baumhöhe oder dem geplanten 1. Ast oder einer Stammverdickung / inversen Verjüngung.
1. mit einem scharfen Messer wird an der gewünschten Stelle ein Ring eingekerbt. Dabei so kräftig eindrücken um sicherzustellen, dass die Rinde vollständig durchschnitten ist.
2. den gleichen Ring 1-2 cm tiefer nochmals schneiden. Der Abstand sollte ca. 1-2-fache Stammdicke haben, kann aber auch variieren wenig z.B. Platz vorhanden ist.
3. den mittigen Rindenstreifen vorsichtig von oben nach unten mit dem Messer lockern. Beim Ahorn klappt das recht gut, löst sich meist im ganzen Stück ab. Bitte aufpassen, dass die Einschnitte auch tief genug sind. Sonst wird die Rinde weiter über den geplanten Ring hinaus abgelöst.
4. der helle Streifen ist recht saftig. Diese saftige Schicht muss rundum sorgfältig abgeschabt werden bis es trocken wird. Am besten noch eine halbe Stunde warten (keine Sorge, da vertrocknet nichts!). Färbt sich der Streifen an manchen Stellen rötlich braun, so wurde dort zu wenig abgeschabt. Der häufigste Fehler ist, dass zu wenig abgeschabt wird und die Rinde wieder selbst zuwächst. Sobald sich irgendwo so eine "Saftbrücke" bildet ist es aus mit dem Wurzelwachstum am Ring.
Oben und unten am Ring bleiben noch Faserreste/Faserbüschel, die müssen nicht absolut vollständig entfernt werden. Auf keinen Fall mit einer Konkavzange nachhelfen und Holzfasern herausschneiden! Dann würde das Splintholz beschädigt, der Baum könnte vertrocknen.
Es muss also ein Kompromiss zwischen vollständigem Abschaben des Siebholzes und nicht zu tiefem Verletzen des Splintholzes gefunden werden. An den Ringen oben und unten können diese Faserreste vorsichtig mit dem Messer abgeschnitten werden. Der Rindenstreifen oben sollte glatt sprich unbeschädigt sein. An dieser Stelle wachsen später die Wurzeln. Schnell wachsende Pflanzen die stark verdicken erfordern stärkeres Abschaben. Das Ergebnis sollte wie auf den Fotos 1-3 aussehen.
5. unter dem unteren Ring wird eine Folie verdrillt. Anschließend Substrat einfüllen (hier 1:1 aus Bims und Cocosan, oder pures Akadama oder Sphagnummoos, eigentlich fast alles Hauptsache nicht gedüngt!!!). Dann zu einer festen Kugel formen und oben mit Draht verdrillen. Eine helfende Hand spart Ärger bevor das Substrat wieder herausfällt... Meist steche ich den Draht mehrfach durch die Folie um sie fest zusammenziehen zu können. Am Ende den Draht am Stamm fixieren. Dabei keine Abschnürungen verursachen die lange sichtbar bleiben! Das Wachstum der Abmoosung kann durchaus kräftig ausfallen und auch den Stamm ordentlich verdicken. Unten werden einige/viele Löcher mit einem spitzen Messer in die Folie gestochen - da muss unbedingt Luft rankommen sowie überschüssiges Wasser abfließen können.
Ich verwende durchsichtige Folie um das Wurzelwachstum verfolgen zu können. Es dauert bei Ahorn und Ulme meist 4-8 Wochen bis erste Wurzeln entstehen. Ich habe keinen Nachteil festgestellt wenn Licht an die Wurzelspitzen kommt. Nur vollsonnig ist zu vermeiden, im Halbschatten gelingt es viel besser.
Es ist nicht leicht das Substrat stets schwach feucht zu halten. Zu wenig und die Wurzeln sterben ab, zu viel und die Wurzeln beginnen zu faulen. Ich benutze eine 10-40 ml-Einwegspritze um das Substrat gezielt feucht zu halten. So kann sowohl von oben als auch von unten durch die Löcher Wasser eingespritzt werden.
Wenn die Wurzelspitzen nicht mehr weiter wachsen trenne ich ab. Falls möglich die Mutterpflanze regelmäßig drehen um einseitige Sonneneinstrahlung zu vermeiden.
Falls die Bewurzelung nicht funktioniert - nächstes Jahr erneut versuchen. Ggf. gebildete Saftbrücken oder Kalluswulste werden mit der Konkavzange entfernt und analog vorher verfahren.
Grüße, Rainer
