Trophy 2023

Ausstellungen, Workshops, Arbeitskreise, Events u. -Organisationen, Reisen, Besuchen in Bonsai-Gärten und Töpferstuben.
Benutzeravatar
ElmarH
Beiträge: 86
Registriert: 07.01.2014, 14:52
Wohnort: Düsseldorf

Re: Trophy 2023

Beitrag von ElmarH »

.. würde man rechts neben dem Baum einen Hügel ergänzen, wäre das Problem gelöst .....
😉
LG
Elmar *wink*
Benutzeravatar
Chloroplast
Beiträge: 117
Registriert: 26.06.2012, 22:38

Re: Trophy 2023

Beitrag von Chloroplast »

In der Natur sind mir noch keine windgepeitschten Bäume aufgefallen, ich finde die Gestaltung aber irgendwie stimmig und glaubwürdig und könnte mir vorstellen, dass ein Baum in der Natur tatsächlich so wachsen könnte.

Als biologische Erklärung würde ich anführen, dass durch den ständigen Wind der junge apikale Trieb auf die windabgewandte Seite (auf dem Foto nach links) gedrückt wird. Er wird mangels Eigengewicht durch Laub und Früchte nicht gleich ganz horizontal sein, aber mehr oder weniger schräg. Dadurch werden auf der Oberseite des Triebes Knospen zum Austrieb angeregt, die insbesondere auf der windzugewandten Seite (auf dem Foto rechts) wachsen werden, da dort mehr Platz und Licht vorhanden ist.

Deshalb entsteht die nächste Stammverlängerung auf der rechten Seite und muss sich wieder der Kraft des Windes und den Gesetzen der Biologie beugen, bis der gezeigte Baum entstanden ist. In der Krone an der rechten Stammverlängerung erkennt man junge Triebe, die diesen Weg gehen könnten und so den Baum noch weiter aufbauen könnten.

Und dass die unteren Äste so weit nach links wachsen, könnte man auch mit der Suche nach Licht und Platz erklären.

Ist alles nur eine Theorie, ich habe keine Ahnung, ob das stimmt *floet*
Viele Grüße, Michael

Hinterher weiß man immer mehr. (Fettes Brot)
Benutzeravatar
Sebastian O
Freundeskreis
Beiträge: 467
Registriert: 14.06.2008, 06:49

Re: Trophy 2023

Beitrag von Sebastian O »

Andreas Ludwig hat geschrieben: 14.04.2023, 04:58 Ich greife mal diesen einen heraus, denn er intrigiert mich:

windswept.jpg


Konkret irritiert mich, dass hier alle Zweige sehr deutlich, ja drastisch «wingepeitscht; sind, nicht aber der Stamm an sich. Das soll keine Disqualifizierung des Baumes sein – ich finde ihn durchaus schön, bloss eben irgendwie eigenartig. Für mein Verständnis wäre der Wind immer da gewesen, hätte den Stamm also ebenso «wegdrücken» müssen wie die Äste.

John Naka hat in einem ähnlichen Zusammenhang mal lakonisch gesagt «The wind has changed». Eine interessante Auffassung – nicht jede Geschichte muss nach Naka also stimmig sein, wenn das Resultat bloss gut aussieht. Ich stolpere dennoch darüber. Darf ich fragen, wie andere das sehen?
Andreas, da sprichst Du etwas an, das mich schon lange umtreibt. Dass in Bonsaikreisen immer so ein großer Wert auf die "Erklärbarkeit" der Gestaltung gelegt wird ist mir völlig rätselhaft. Dieses Bedürfnis nach objektiver Legitimation scheint mir völlig unsinnig zu sein.

Ich glaube, ich kann hier nicht in wenigen Zeilen zum Ausdruck bringen, wie ich Bonsai verstehe. Aber so viel kann ich sagen, der kreative Eingriff in den natürlichen Ablauf der Dinge ist für mich elementar. Bei Bonsai geht es mir nicht rein um Imitation. Da scheint es aber unterschiedliche Schulen zu geben und ich will niemanden belehren oder kritisieren.
LG
Sebastian
Benutzeravatar
Andreas Ludwig
Mentor
Beiträge: 6756
Registriert: 29.03.2005, 16:50
Wohnort: Schweiz

Re: Trophy 2023

Beitrag von Andreas Ludwig »

Ich denke, «Erklärbarkeit» ist der falsche Begriff. Auch mit «Natürlichkeit» kommt man den meisten Bonsai nicht bei, es sind durchwegs Stilisierungen. In vielen Stilrichtungen ist die Formsprache ziemlich abstrakt, gerade bei den «klassischen» Bonsai.

Aber um zurück auf den windgepeitschten Baum zu kommen: Wie man es auch dreht, ist das gestalterische Grundanliegen doch, einen Baum zu zeigen. Chinesische Schriftzeichen und surreale westliche Kompositionen nehme ich da mal aus, die sind doch eher selten. «Baum» meint dabei nicht Imitation, eher Illusion, von mir aus auch Idealisierung.

Dazu muss die Komposition und Durcharbeitung stringent sein, das geht über die Auffassung: «Ist nicht ganz, wie ich gedacht habe, aber mir gefällt es so» hinaus. Der Baum, den ich mir rausgepickt habe, bleibt für mich irgendwie unstimmig. Da ist «zuviel Krone für soviel Wind», gleichzeitig «zuwenig Konsequenz der Gesamtform», wie man will.
It is not enough to be busy. So are the ants. The question is: What are we busy about?
(Thoreau)
Benutzeravatar
Sebastian O
Freundeskreis
Beiträge: 467
Registriert: 14.06.2008, 06:49

Re: Trophy 2023

Beitrag von Sebastian O »

Ja das sehe ich auch so. Mir gefällt die Gestaltung auch nicht.

Kurz dazu: Mit Erklärbarkeit meine ich zum Beispiel die viel bemühten Blitzeinschläge und Schneelasten und so weiter. Du weißt schon. Das verstehe ich wie gesagt nicht so recht. Du hast das Wort Formsprache erwähnt. Es ist ein großes Glück, dass wir dieses Bild im Deutschen haben. Ich finde, wer Bonsai gestalten will, sollte die Formsprache der Bäume fließend "sprechen" lernen. Wenn man sie beherrscht, kann man damit aber so viel mehr tun, als die Klassiker dieser Sprache zu rezitieren, bzw. zu imitieren. Auch wenn das an sich natürlich auch total legitim und schön ist. Ich finde es aber interessanter, wenn man neue, eigene Werke in dieser Sprache verfasst.

So könnte ich den Baum, um den es hier geht, im Sinne des oben Dargelegten, auch ohne Weiteres als Momentaufnahme eines (stilisierten, fiktiven) Baumes, der von einer Windböe erfasst wird, akzeptieren. Ich denke, Du auch. Leider überzeugt diese konkrete Gestaltung trotzdem nicht. Wäre sie, wie Du sagst, konsequenter umgesetzt, fände ich sie aber spannend. Weil sie mit dem Stamm, der sich gegen die Windrichtung neigt, den aufmerksamen Beobachter halt ein bisschen herausfordert und einlädt.

Wie gesagt, so sehe ich das. Andere haben einen anderen Zugang zu Bonsai. Letztlich münden solche Themen immer in der Frage, ob Bonsai eher Kunst oder Kunsthandwerk ist. Es gibt verschiedene Strömungen, nicht nur den einen Weg.
LG
Sebastian
Benutzeravatar
Andreas Ludwig
Mentor
Beiträge: 6756
Registriert: 29.03.2005, 16:50
Wohnort: Schweiz

Re: Trophy 2023

Beitrag von Andreas Ludwig »

Danke für deinen Kommentar, er ist wertvoll. Ich habe mir im Nachgang meiner letzten Bemerkung überlegt, was ich eigentlich nicht mag an diesem windgepeitschten «Schönling». Nun – er ist zu schön. Er leidet nicht. Genau das muss ein windgepeitschter Baum m.E. aber tun – der wehrt sich gegen die Vernichtung (sei sie nun momentane Bedrohung oder stete).

Der hier ist für mich ein «Hybrid» – zwar vom Wind gepeitscht, aber doch munter und pudelwohl in voller Entfaltung. Das erinnert mich etwas an die krude Ästhetik der grossen Hollywoodfilme, wo man grundsätzlich perfekt geschminkt und frisiert der Unbill des Schicksals trotzt. Schönheit ist – das haben manche Künstler herausgearbeitet – schnell einmal langweilig, wenn sie nicht «die ganze Geschichte» erzählt.
It is not enough to be busy. So are the ants. The question is: What are we busy about?
(Thoreau)
Antworten