Hallo Robert,
mit den Holzpartien die schon sehr lange trocken sind ist das so eine Sache...
Du beschreibst genau die Schwierigkeiten : abreissende Fasern (die sich schlecht fassen lassen, ob mit der Hand oder mit einer Zange), und auch das das Einweichen der Fasern (in feuchten Tüchern) nur eine unzufriedenstellende Verbesserung bringt (da Fasern, sobald sie trocken sind, brüchig werden und das Befeuchten nicht sehr tief ins Holz dringt).
D.h. der Unterschied zu frischem Holz ist (wie du sagst) riesig.
Daher kann man nicht oft genug raten,
nie die Rinde wegzumachen wenn man nicht gleich daran arbeitet (sei es an Aststumpfen oder sei es am Stamm).
Das ist ein typischer Fehler den man in Workshops (leider) immer noch sieht (habe schon ein paar mal in WS gesehen, daß an Aststumpfen die Rinde weggemacht wurde obwohl nicht gleich daran gearbeitet wurde oder nur sehr oberflächlich weil man denkt, man könnte/möchte später daran arbeiten und während des WS konzentriert man sich auf die Gestaltung der Äste, usw. Auch einige WS-Leiter machen da immer noch Fehler).
Genauso, wenn man begonnen hat, das Totholz zu bearbeiten (ob an Aststumpfen oder am Stamm), sollte man das alles am gleichen Tag fertig machen (höchstens am nächsten Tag den letzten Schliff). Denn nur ein paar Stunden zu viel und das Holz kann schon "hin" sein (brüchig).
Wenn du viel mit Totholz experimentiert hast, weißt du das bestimmt.
Ob ich noch einen Tipp hätte, ja es gibt ein paar Dinge die sehr hilfreich sein können, wenn man Totholz bearbeitet. Angefangen beim Werkzeug. Um ein glaubwürdiges Resultat zu erreichen, ist es natürlich sehr wichtig, das richtige Werkzeug zu verwenden (erst seit ich die Dremel und anderen Maschinen weniger benutze, gelingt es mir immer bessere Resultate zu erzielen, wohlgemerkt ich habe prinzipiel nix gegen Fräse o. Dremel für die "grobste" Arbeit).
Ich bevorzuge dafür keine speziellen japanische Jinwerkzeuge, sondern ganz einfache Werkzeuge :

- Outils pour bois mort 001.jpg (14.98 KiB) 1272 mal betrachtet
Wie man sieht ist dieses Werkzeug sehr spitz :

- Outils pour bois mort 002.jpg (13.3 KiB) 1272 mal betrachtet
Das ist damit man tief ins Totholz eindringen kann um eine kleine Menge an Fasern anzuheben (die man dann fassen kann, mit der Hand oder mit der Zange, um sie dann zu ziehen/reissen). Dieses ganz einfache Werkzeug hatte ich Reiner (Shokan) und Christian beim BFF-Fest gezeigt (und kurz erklärt wie ich es benutze). Komischerweise denken viele Leute, man würde beim Totholz jede einzelne Faser ziehen/reissen, obwohl das falsch ist, man zieht mehrere Fasern gleichzeitig (ein gutes Beispiel dafür sieht man hier :
http://sidiao.myweb.hinet.net/class-T-J01e-2.htm)
Und um mehrere Fasern gleichzeitig ziehen zu können, muss man tief ins Holz einstichen.
Dann benutze ich auch noch ganz einfache Elektrikerzangen:

- Outils pour bois mort 003.jpg (14.53 KiB) 1272 mal betrachtet
Diese normalen Zangen sind besser geeignet zum Totholzbearbeiten als sogenannte Jinzangen, weil Jinzangen nur vorne schliessen:

- Outils pour bois mort 005.jpg (16.47 KiB) 1272 mal betrachtet
Mit normale Elektrikerzangen kann man die Holzfasern besser fassen:

- Outils pour bois mort 006.jpg (13.82 KiB) 1272 mal betrachtet
Daneben habe ich natürlich noch eine ganze Menge an andere Werkzeuge für Totholz die je nach Bedürfniss eingesetzt werden.
Ein wichtiger Teil dieser Werkzeuge sind Beitel ("Holzbeitel"), die zum Trennen von Holzfasern sehr gut geeignet sind. Und eine scharfe Konkavzange (gleiche Anwendung: zum Trennen der Holzfasern).
Und selbstverständlich auch einen Lötbrenner.
Am Ende kommt dann der Sandstrahl dran.
Messing- und Stahlbürsten benutze ich weniger weil zeitaufwendig und weil das Resultat nie so gut ist wie mit dem Sandstrahl.
Neben dem richtigen Werkzeug ist auch sehr wichtig wie man das Werkzeug richtig benutzt.
Das hört sich jetzt vllt. komisch an, ist aber nicht selbstverständlich (das ist genauso wie mit dem anderen Bonsaiwerkzeug wie Zangen, usw. : wie man es benutzt ist genauso wichtig wie was man benutzt). Dazu kann ich nur raten: die Anwendung von diesem Werkzeug am besten von jemandem zeigen lassen der das kennt und schon länger macht. Danach macht man weniger Fehler beim Üben. (so habe ich es auch gemacht : hab's mir von jemandem zeigen lassen, der das schon länger macht und seitdem übe ich).
Mit der Übung wird man verständlicherweise auch anspruchsvoller...
Ich kann mir beispielsweise kaum noch einen Baum mit Totholz in Ausstellungen ansehen... (weil 99% unglaubwürdig/unnatürlich aussehen). Das ist die "unschöne" Seite an dieser Sache... (wenn ich das so sagen kann)
Man muss auch sagen, daß "Totholz-Freaks" ein bisschen spezielle Bonsaianer sind

die fasziniert sind von natürlich verwittertem Totholz (wo man die Maserungen in verschiedene Tiefen sieht) und daher äusserst anspruchsvoll sind beim Betrachten von Totholz (wie glaubwürdig das Resultate aussieht, ob Jin und Shari so natürlich wie möglich aussehen oder nicht).
Natürlich maße ich mir nicht an, wie die Natur arbeiten zu können, das schafft kein Mensch.
Und selbstverständlich bin ich kein "Totholz-Meister" (Marco beispielsweise ist bei Totholz verdammt gut. Ich schaue mir seine Arbeiten immer gerne im Detail an).
Würde es an mir liegen, könnte man stundenlang über Totholz reden.
Liebe Grüße,
Thierry