Hier nun die übersetzte Form des Textes, um den ich Will Heath gebeten habe, der eigentliche Aufhänger dieses Threads:

Bonsai Ulf Soltau
Von Will Heath
„In Bezug auf eine Kunstrichtung wird dieser Begriff (Avantgarde)
verwendet, um eine Bewegung, einen Künstler oder eine Gruppe von Künstlern zu beschreiben, deren Arbeit als Bruch mit der Tradition gesehen wird und die die Kunst in eine neue Richtung steuert."
http://www.csa.com/discoveryguides/art/overview.php
Bonsai verändert sich. Bonsai evolviert. Bonsai unterliegt einer Transformation wie sie seit der japanischen Verfeinerung der chinesischen Grundlagen dieser Kunst nicht mehr satt gefunden hat.
Diese Transformation lässt sich an einer Hand voll Kunstschaffender fest machen. Solche, die mit der Tradition brechen und der Kunst über ihr Bonsai-Design, ihre Förderung dessen, ihre Schriften und der Präsentation ihrer Arbeiten neue Wege aufzeigen. Diese wenigen sind die Avantgarde in der Bonsaikunst.
Für die, die das wissen, ist es nicht überraschend, dass es eben diese Kunstschaffender sind, die Bonsais den Weg zu den feinen Künsten ebnen. Jedoch wird diese Avantgarde der Bonsaiwelt nur all zu gern als lächerlich betrachtet, mit Vorurteilen bedacht und von den sog, Retardatair (französisch für Rückwärtsgewandte bzw. Nachzügler) sofort abgewiesen.
Avantgarde kann möglicherweise keine kommerziell entwicklungsfähige Alternative zu mehr traditionelleren Wegen sein. Vor dem 19. Jahrhundert mussten Künstler, die auf Kommission arbeiteten, acht geben, den Erwartungen ihrer Gönner zu entsprechen und sich anzupassen. Meistens mussten sie ihre Innovationen und neuen Ideen vor ihren Gönnern verbergen und nach Außen hin vorhersagbar, bequem, nicht schockierend und nicht bedrohlich erscheinen – andererseits konnte ihr Lebensunterhalt in Gefahr geraten. Nichtsdestotrotz schafften es diese konservativen Vorgaben nicht die Initiative und Innovation vollkommen zu ersticken, wie die Arbeiten dieser Epoche veranschaulichen.
Künstler, die in der Bonsaiwelt den Erwartungen nicht entsprechen und traditionelle Wege verlassen, sehen sich oft genötigt viel Zeit damit zu verbringen den Massen ihr Tun zu erklären. Ein Beispiel dafür ist Walter Pall und die Zeit, die er damit zubringt den Naturalismus zu erklären.
Der Mensch verlangt nach dem, was er versteht und missachtet das Radikale. Es gibt wie immer Ausnahmen, aber sie sind zurzeit selten.
Die Praxis zwingt diejenigen, die sich trauen sich außerhalb der gemeinhin akzeptierten Normen zu bewegen entweder sämtliche kommerziellen Interessen aufzugeben und sich in die Privatsphäre ihrer eigenen Gärten zurückzuziehen, einen Kompromiss darin zu finden, ihre Arbeit abzuschwächen um populär zu bleiben, oder aber viel Aufwand damit zu betreiben, ihre Arbeit zu rechtfertigen. Jedwede Option macht den Künstler mundtot, erstickt das Voranschreiten der Kunst und sendet ein deutliches Signal an alle Kunstschaffenden, dass das Verlassen akzeptierter Normen nicht ohne Konsequenzen bleibt.
Die Mischung aus abgeknallten Künstlern (mir fiel wirklich keine bessere Übersetzung für ’alienated advanced artists’ ein), Zuschauerschaft, Gönnern und Konsumenten, die sich außerhalb der gegenwärtigen Normen sehen, und den ewig Gestrigen, die die Innovation und den Erfindergeist dahinter nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, zeigt eine gewisse Ähnlichkeit zu den Umständen die zur Epoche der Romantik führten. Tatsächlich wird die Avantgarde oft als Nebenprodukt dieser Bewegung betrachtet.
Im 19. Jahrhundert wurden Europäer stark durch die romantische Idee "der kämpfenden Künstler" beeinflusst. Als solche galten diejenigen, die gegen gegenwärtige Tendenzen zu sein schienen, sich unbeachtet fühlten oder sich und ihre Arbeit von den Massen missverstanden glaubten. Es scheint, dass die Europäer das Konzept "der kämpfenden Künstler" entwickelten, um vermeintlich unangebrachte Innovationen (also alles außerhalb der akzeptierten Normen) zu legitimieren und um diesen wahrgenommenen Radikalismus in der Kunst zu rechtfertigen.

Bonsai Walter Pall
Letztendlich ist es deutliche einfacher etwas wie Avantgarde zu missbilligen weil man sie nicht versteht, sie einem bedrohlich erscheint oder weil man keinen kommerziellen Nutzen darin sieht, als zu versuchen sie zu verstehen, sie anzuerkennen oder ihr Wert beizumessen.
Wie immer wird die Zeit es zeigen. Was die Avantgarde von heute ist, das kann morgen schon dem gemeinhin akzeptierten Erwartungshorizont entsprechen. Genauso kann sie allerdings auch in Vergessenheit geraten sein. Das wirklich wichtige dabei ist, das Kunst nicht wachsen oder gar bestehen kann, ohne Innovation, ohne Kreativität und ohne Erfindergeist.
Meiner Meinung nach sind Avatgarde-Künstler und deren Förderer heute ein vitaler Teil von Bonsai mit deren Hilfe Bonsai den Weg zur hohen Kunst schafft. Ohne sie wäre Bonsai statisch, wenn nicht stagnierend. Mit ihnen stehen wir an der Schwelle zu einer neuen Ära. Ich begrüße sie und erfreue mich der Gelegenheit, Teil dieser Entwicklung zu sein.