Fabian R hat geschrieben: 07.01.2022, 18:52
Das Wasser-Haltevermögen vom Substrat wird ja durch Kapilarkräfte zwischen den einzelnen Körnern erzeugt.
Ich stimme zu, dass die Haltung von Bäumchen aus physikalischer Sicht geradezu banal ist. Aber so einfach ist es dann doch nicht. Wir haben hier lauter Gleichgewichte, das kann dann schon mal komplex werden. Norbert hat gerade eine abschattierte Schale gezeigt – umsichtig. Ein Faktor ist die Sonneneinstrahlung. Weitere:
– die Korngrösse des Substrats und seine Beschaffenheit ergeben das theoretische Speichervermögen. Das ist ein Zusammenwirken aus Kapillarkräften (zwischen den Substratteilen, aber auch darin) und Gravitation. In solchen Fällen fügen Physiker gerne an «unter Normalbedingungen», was so etwa bedeutet «Weihnachtsferien auf Meereshöhe, konstante Bedingungen, kein Wind». Also Theorie. Real kommen (absolut standortabhängig!) als beeinflussende Faktoren dazu:
– Umluft. Ein erheblicher Faktor. Mir sind am meisten Bäumchen verreckt jeweils im Frühling, so März bis Mai. Da denkt man, es sei noch recht kühl, da verdunste nicht viel. Bloss lebe ich in einer Zone, in der es um die Jahreszeit erheblichen, konstanten, trockenen Westwind gibt. Womit wir zu was anderem kommen:
– Giess-Frequenz. Es ist nunmal nicht dasselbe, ob man einmal am Tag sehr grosszügig abduscht oder mehrmals am Tag nachgiesst. Die Formel «Liter/Tag» ist völlig abstrakt, menschlich-technisch betrachtet und damit untauglich. Bei ganz kleinen Sachen empfehle ich darum dringend Letzteres, bei Volumina ab 2 Liter Substrat kann man diese Oberflächenaustrocknung dagegen fast vernachlässigen. Was natürlich zu diesem führt:
- das Oberflächen/Volumen-Verhältnis. Sehr banal, aber manche vergessen, dass ein Liter Substrat in Würfelform eine ganz andere Austrocknung zeitigt als dasselbe auf einer Fläche ausgebreitet und nur 2 cm hoch. Ein bisschen spielt da auch mit:
– die Oberflächenverdunstung der Schale. Unglasierte Dinge aus grob schamottiertem Ton verdunsten viel, glasierte oder gesinterte Gefässe, auch Porzellan, erheblich weniger. Mame-Schälchen aus nieder gebranntem Ton kann ich nicht empfehlen, bei diesen Winzlingen ist der Einfluss einer Verdunstung durch die Schalenwand fatal.
– nicht erheblich scheint dagegen die Sache mit der «Luft». Auch das ist banale Physik: Im Boden trifft man «Luft» eigentlich nur als gelöstes Gas im Wasser an. Es gibt ausgegastes Wasser und mit Gasen befrachtetes. Scheint nach wie vor Vorstellungsprobleme zu bereiten, aber da darf man den Fischen vertrauen: Wäre es nicht so, müssten die alle ersticken, sie «atmen» bloss diese gelösten Gase. Weshalb man gerade im Format Mame besser auf die Speicherfähigkeit des Susbtrats für Wasser achtet als ein zu grobes zu nehmen, in dem dann alles schnell vertrocknet.
So. Man kann jetzt die «eine Formel für alles» suchen und wird damit zwingend Rückschläge erleiden, weil diese Formel ein grober Durchschnitt wäre, der dem einzelnen Baum, Tag und den gerade herrschenden Bedingungen nicht entspricht. Man kann auch versuchen, diese Faktoren zu berücksichtigen, mal so, mal so zu giessen, manchmal eine Schale zu drehen oder zu kippen und die Korngrösse dem Volumen und der Art anzupassen etc.
Meine Erfahrung ist, dass meine Bäumchen keinerlei Veständnis für Versuche hatten, die Haltung «effizienter» zu gestalten. Also habe ich mit der Zeit halt wieder eher Einzelbetreuung gemacht, was sich bewährt hat. Es ist m. E. nicht Koketterie, Bescheidenheit oder künstlerisches Herausheben besonders schöner Bäume, wenn mehr als ein bekannter Gestalter geraten hat, sich auf wenige Bäume zu konzentrieren. Es entspricht der Realität: Lieber ein Dutzend perfekt gepflegte Bäumchen als 250 mit eingewachsenem Draht und halbtot.