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Gestaltungskriterien - Grundlagen an einem ausgereiften Bonsai

Verfasst: 18.01.2009, 18:40
von Holger
von Dieter (Zopf)

Als erstes möchte ich Walter Pall danken, der mit erlaubt hat, Bäume aus seinem Blog zu Demonstrationszwecken zu verwenden.

Auf dem Bild sind 3 Linien eingezeichnet. Die blaue gestrichelte Linie ist die Schalenmitte. Die durchgezogene rote Linie ist die Stammlinie. Die gelbe gestrichelte ist die Stammachse.

Anhand der gelben Linie ist ersichtlich das der Baum, trotz Bewegung der Stammlinie eine recht eindeutige Achse hat. Basis und Spitze befinden sich übereinander. Trotz dieses stabilen Gleichgewichts vermittelt uns dieser Baum Dynamik. Ein wichtiger Punkt zur Erlangung dieser Dynamik ist die außermittige Platzierung in der Schale.

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Die beiden anderen wichtigen Punkte zur Erzeugung einer Dynamik sind auf dem nächsten Bild ersichtlich. Die pinke Linie im Wurzelbereich und vor allen Dingen der ausladende rechte Ast (blaue Linie) sind wesentlich für den entstehenden Ausdruck.

Dieser rechte Ast gibt im wesentlichen den Aufbau für den kompletten Baum vor.
Der "Sashi-Eda" oder baumbestimmende Ast (wie man es möchte) ist einer der wesentlichen Punkte bei der Baumformung-Baumgestaltung.

Es ergeben sich der Gegengewichtsast (grüne Linie) und der Rückseitenast (rote Linie).

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Ein Bild im Knospenstadium zeigt dann den zu erwartenden Kronenumriss. Auch der Kronenumriss betont wiederum die Richtung nach rechts. Beim nochmaligen Betrachten ist mir aufgefallen, dass diese Bild älteren Ursprungs ist. Auf der linken Seite ist noch ein Ast, der späteren Überarbeitungen zum Opfer gefallen ist.

Warum ist er gefallen? Mir fallen 3 Gründe ein. Die beiden Äste sind auf selber Höhe. Der Ast entspringt an der Innenseite einer Biegung. Der für mich wichtigste Grund ist allerdings, dass er die Dynamik des Baumes zu stark stabilisiert.

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Wozu soll das dienen?

Ihr steht vor Eurem Bäumchen und fragt Euch wie es weitergeht. Die genauere Betrachtung schon gestalteter Bäume, sowie die mannigfaltigen Vorbilder in der Natur zeigen die Richtung an, die Eure Bäumchen nehmen können. Die Wurzeln sollten wir im Griff haben, also dürfte dieser Punkt nicht entscheidend für die Gestaltung Eures Bäumchens sein.

Bleiben als Kriterien für die Richtung Eures Baumes, der Stammverlauf oder ein sehr ausgeprägter Ast. Wenn Ihr Euch den Baum von Johannes betrachtet, könnt Ihr sehen, das der erste dicke Ast die Entscheidung für den weiteren Aufbau vorgibt.

Versucht einfach, ähnliche "Muster" an Euren Bäumen oder Bäumen aus dem Forum zu finden.

Die ersten Bilder sind wohl verdaut, also etwas neue Nahrung für Eure Augen.

Der Einfachheit halber habe ich das Kronenvolumen grün eingefärbt. Das linke Bild entspricht dem Baum im früheren Stadium mit unterem linken Ast. Auf 2 Punkte möchte ich Eure Aufmerksamkeit lenken. Das erste wäre die Unregelmäßigkeit des Kronenumrisses. Das linke Bild weist eine recht runde Kontur mit gleichmäßigem Verlauf ohne "Einbuchtungen" auf.

Die Wirkung ist die eines Baumes der ohne Widrigkeiten im Freistand sein Laub entfalten konnte. Diese Kronenumrisse sind im Allgemeinen bei Besenformen zu finden.

Die rechte Krone mit Ihren Unregelmäßigkeiten und "Einbuchtungen" entspricht eher dem gewundenen und etwas bewegterem Stamm.

Der zweite Punkt ist die untere Begrenzungslinie des Kronenumrisses. Im linken Bild wirken die roten Linien beruhigend. Die Parallelität der Linien führt unsere Augen nicht auf ein Ziel hin sondern führt uns immer wieder zum Stamm zurück. Auf dem rechten Bild führt uns die rote Linie nach rechts auf einen Fluchtpunkt hin. Dadurch wird eine gewisse Bewegung, Dynamik suggeriert.

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Ein weiteres Augenmerk solltet Ihr dem Verlauf des Shari´s widmen. Der unregelmäßige Verlauf
der Kanten, die unterschiedliche Breite und der unregelmäßige Abstand zu den Außenkonturen
des Stammes betonen in Ihr Gesamtheit eine gewisse Dynamik.

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Wenn wir unsere Blicke nur auf den Wurzel/Stammansatz richten, fällt bei verstärkten Kontrasten
ein gewisses Spiel mit Licht und Schatten auf. Diese Wirkung des Schattens auf Unsere Augen sollte man nicht unterschätzen, da durch die Schattenwirkung 3-Dimensionalität, Tiefe erzeugt wird.

Obwohl wir mit dem Baum noch nicht durch sind, kann man schon erkennen, dass die erwünschte "Baumwirkung" durch gekonnte Kunstgriffe erzielt wurde. Wenn Ihr zu einer Bonsai-Ausstellung fahrt, nehmt Euch nur einen Baum, der Euch besonders gut gefällt und versucht zu ergründen mit welchen "Taschenspielertricks" (Ich bitte um Verzeihung) diese Wirkung auf Euch erzielt wird.

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Frage:
Mir sind bei den letzten Ausstellungen immer wieder Mehrfachstämme oder Wälder aufgefallen. Ich habe viele davon als sehr schön empfunden.

Ich vermute, dass bei mir die Wirkung erzielt wurde, weil die einzelnen Stämme wirklich weiter hinten oder vorne waren. Durch Licht und Schatten und gelegentliches Überschneiden konnte ich die Dreidimensionalität wahrnehmen.
Bei einzelnen Stämmen hab ich da so meine Probleme.

Was mache ich bei einem ebenmäßigen, glatten Stamm? Ich kann ja nicht überall was reinschnitzen.

Antwort:
Aus den Bildern auf Deiner Galerie ist ersichtlich, dass Dir die Wirkung von Licht und Schatten zur Erzielung von Drei-Dimensionalität bewusst ist. Bei "guten" Bäumen sollte die Wirkung unbewusst sein. Die Kunstgriffe sollen wirken, ohne das die Kunstgriffe bemerkt werden.

Irgendwie tötet eine "Analyse" den "Kunstgenuss". Zu den ebenen, glatten Stämmen kann man nicht viel sagen. Entweder nicht kaufen, oder aber der "Linie, dem Stil" den der Baum vorgibt folgen.



Dann schauen wir uns doch einmal die Proportionen des Baumes etwas an.

Auf dem linken Bild ist das Verhältnis vom baumbestimmenden Ast (blau) zu Gegengewichtsast (rot). Gemäss einem Lehrbuch ist das Verhältnis angenähert 5:8 und entspricht damit dem goldenen Schnitt. Das mittlere Bild zeigt das Verhältnis Stammbreite zu Stammhöhe. Auch hier ist das Lehrbuchmäßige Verhältnis 1:6.

Zum rechten Bild kommend. Der Astansatz des baumbestimmenden Astes, in diesem Fall auch der erste Ast, zur Gesamthöhe beträgt 1:5. Also auch hier wiederum der Regel folgend, dass der erste Ast, je nach Bewegung des Stammes, auf 1/3 bis 1/5 der Gesamthöhe des Baumes entspringen soll.

Bitte versteht es nicht falsch, es geht mir nicht darum die japanischen Regeln zu fordern. Dieser Baum bietet sich in gewissen Bereichen dazu an, warum sollte er also nicht einen klassischen Aufbau haben.

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Als vorerst letztes kommen wir zum Rückseite des Baumes.

Auf dem Bild ist durch den linken Kreis (rot) ein Ast markiert, der anscheinend wirklich auf der Rückseite ansetzt. Da er aber noch zu schwach ist und der Freiraum über dem ersten rechten Ast zu groß ist, wird eine Verzweigung des rechten Astes benutzt (blau) um diesen Freiraum zu füllen und dem Baum mehr Tiefe zu geben.

Was interessiert uns bei diesen ganzen Worten jetzt wirklich.

Der Baum braucht einen Ast der die Bewegungsrichtung betont. Dieser baumbestimmende Ast sollte im unteren Bereich des Stammes (1/3-1/5) ansetzen. Die Wuchsrichtung des Astes ist leicht schräg nach vorne. Dieser Ast sollte im späteren der ausdrucksstärkste Ast sein oder werden.

Um ein Kippen des Baumes zu verhindern, brauchen wir einen Gegengewichtsast. Dieser liegt auf der gegenüberliegenden Seite und weist auch nach schräg vorne. Er ist kürzer als der Gegengewichtast.

Damit der Baum Tiefe gewinnt, benötigen wir als dritten wichtigen Ast einen Rückseitenast. Idealerweise liegt er zwischen ersten und zweiten Ast, er sollte aber zumindest in diesem Bereich liegen. Obwohl er zur Rückseite weist sollte er von vorne zu sehen sein. Die Richtung (rechts oder links) ist vom jeweiligen Baum abhängig.

Sodele, meine lieben Schüler, der Winterschlaf neigt sich seinem Ende zu, also schaut Euch Eure Bäumchen an und versucht 3 Äste zu finden die ungefähr in obiges Schema passen. Das betrifft die Bäumchen die in den Bereich frei-aufrecht fallen. Bäumchen die für die Besenform in Frage kommen, werden anhand eines anderen Baumes besprochen.

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