Holzschalen und Hohlräume - Bonsai und Zeit

Allgemeine Philosophie, Stilarten, Techniken, Vorstellung und Besprechung von Rohmaterial sowie lose Sammlung von Entwicklungs-Dokus
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Andreas Ludwig
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Holzschalen und Hohlräume - Bonsai und Zeit

Beitrag von Andreas Ludwig »

Ich glaube, ich bin hier richtig - allgemeine Überlegung zum Thema Gestaltung sind dran.

Wir kamen andernorts auf das Thema Holzschalen. Es war eher am Rande und nicht der Moment, aber ich hatte mir vorgenommen, das Thema «Holzschalen» aufzugreifen. In der Zwischenzeit ergab sich noch etwas - eine kleine Diskussion über eine Rheinweide. Dort zeigt weijk schöne Bilder von Kopfweiden, deren Stämme alt und teilweise zerfallen sind.

Das gehört zusammen, meine ich: Als ich hie und da nachfragte wegen Beispielen von Holzschalen, kriegte ich immer etwa dieselbe Antwort: «Das ist etwas sehr Verlockendes und ich habe einmal eine irgendwo gesehen». Die präziseste Antwort kam noch aus den USA, wo ein Bonsaifreund in Minnesota Schalen aus Zedernholz (Red Cedar) schnitzt. Die Lebensdauer soll ein paar Jahre betragen. Die Frage nach der dauerhaften Konservierung für Holz brachte mir folgende Antwort ein: «Wood will rot, clay will break, truth is not but rattlesnake».

Also ein schulterzuckendes «Ist halt so». Das brachte mich zusammen mit der Weide zur Überlegung, ob wir nicht ganz bewusst und absichtlich mit dem Zerfall von Holz arbeiten könnten/sollten/müssten. Gründe gibt es genug dafür:

- ein häufiges Argument zugunsten einer bestimmten Gestaltung ist die «Ansicht», die resultiert. Eine schlüssigere räumliche Gestaltung wird zugunsten einer schönen Vorderansicht verworfen.

- Bildwettbewerbe mit Kriterien wie «beste Gesamtgestaltung» werden durchgeführt. Baumbesitzer fragen nach Schalenvorschlägen und Tipps für Kronen. Alles fliesst...

- Es gibt Bäume, deren Bilder nach wie vor als Klassiker im Netz herumgereicht werden, die aber heute komplett anders aussehen oder sogar tot sind. Was niemanden interessiert - das Bild führt ein Eigenleben.

Sicher, besonders die letzte Feststellung hat Grenzen. Man kann nicht am Montag was zusammenstellen, das am Dienstag kompositiert wird, bloss um ein nettes Bild zu haben. Es ist Bonsai, nicht Werbung. Aber dennoch: Sind wir mit der Konservierungsfrage für Holz auf dem falschen Dampfer?

Ich meine heute, dem sei so. Ausgehend von einem (immer noch nicht fotografierten, sorry Martin!) Holzklumpen, der bisher ausnahmsweise nicht fault, komme ich zur Empfehlung, diesen Gedanken von Anfang an zu verdrängen (wenn es berechtigt ist!)und trotzdem Holzschalen zu kreiren. Lieber ein natürliches Holz, das nur ein Jahrzehnt (das denke, ich kriegt man hin) besteht, als ein hässliches oder auch gar keines.

Und die Weide? Auch über der Totholzgestaltungsfrage liegt gerne so ein Gerüchlein von Ewigkeit. Der Preis sind zwar aufwändige gestaltete und teils sehr anspruchsvolle und ausladende Totholzgestaltungen, die aber sehr oft «extrem tot» wirken in ihrem schneeweissen Gipsgewand, um es vornhem auszudrücken. Auch hier hätte ich lieber eine Weide, Hainbuche oder Linde, von der ich heute schon weiss, dass sie in zehn jahren noch ausgehöhlter sein wird, als keine oder eine «sanierte Zahnwurzel». Neu ist das nicht ganz, Stichwort Sabamiki.

Und jetzt?

Ich würde mich über Beiträge und Bilder zum Thema «rollende Gestaltung» freuen, über Meinungen zur Berechtigung eines solchen Vorgehens, über Bilder von Zerfall, sei er absichtlich oder habe er sich ereignet. Aber auch Beiträge zu den begleitenden Fragen wie Pilzbefall und Überwallung wären sehr gerne willkommen. Ich werde mich meinerseits bemühen, mit der Zeit Bildmaterial zu meinen Anregungen zu liefern.
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Raphneck
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Beitrag von Raphneck »

Hallo,

da keiner was schreibt, gebe ich mal meinen Senf zu dem Thema ab.

Zu den Holzschalen: Natürlich sollten wir es mit Holzschalen versuchen und auch mit dem dabei auftretenden Verfall arbeiten! Sehr reizvoll stelle ich mir einen Bonsai in einer Schale vor, die schon soweit verrottet ist, dass bereits die Wurzeln des Baumes in das Holz der Schale eindringen und das Gießwasser auch aus anderen als den ursprünglich vorgesehenen Drainageöffnungen fließt. Das bringt freilich gewisse pflegerische Probleme mit sich... .

Mit Deiner Fragestellung bezüglich des Totholzes habe ich so meine Probleme: Haben Gestalter wie Walter Pall oder Martin Sturm nicht gezeigt, dass man Totholz auch unter Vermeidung des Zahnpasta-Looks konservieren kann? Man kann natürlich den Verfall auch wollen. Ich als relativ konventioneller Bonsaianer eher nicht...

Just my 2 cents.
Schenkt man Dir mal Baumarktware,
Topf sie um, und sie hält Jahre! (aus Holland)
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claudi
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Beitrag von claudi »

Holzgefäße, Rindenstücke u.ä. sind ja in der Kusamono- und Beistellerwelt längst keine Seltenheit mehr. Es gibt hier viele Beispiele für sehr natürlich und authentisch wirkende Gestaltungen. Warum soll das nicht auch bei Bonsai möglich sein? Ein schönes Stück Holz könnte so manche Mondschale ersetzen, eine Baumgruppe auf einer schick polierten Holzplatte ist mit Sicherheit auch sehr reizvoll.
Ich bin allerdings der Meinung, dass diese Schalenform eher der kurzfristigen Präsentation eines Baumes dient, als das sie praktische Zwecke erfüllt.
Ich kultiviere seit einigen Jahren, in Ermangelung einer steinernen Alternative, einen Lärchenwald auf einer großen Holzplatte. Das ganze sieht aber alles andere als repräsentativ aus, weil das Holz für den dauerhaften Gebrauch lackiert werden mußte. Andere Varianten sind gescheitert.
Mein Fazit also: Schöne Holzgefäße sind in der Regel nicht alltagstauglich, und die, die was aushalten, darf man nicht aus der Nähe anschauen.
Allerdings sagt ja keiner, dass man nicht ein bischen schummeln darf...
Ich habe eine Fünfer-Gruppe Acer palmatum in einer unregelmäßig geformten Waldschale stehen. Für besondere Gelegenheiten habe ich eine polierte Holzplatte (ähnlich den Baumscheiben für die Beisteller), aus der ich die Form der Waldschale ausgefräst habe. Die Schale läßt sich komplett in der Platte versenken, der Übergang wird mit Moos kaschiert - fertig!
Wenn man sich bissel Gedanken macht, ist (fast) alles machbar!
Liebe Grüße Claudi

Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht!
Constantin

Beitrag von Constantin »

Ich habe vor kurzem den toten Stamm einer Zypresse vorgestellt, an dem ich eine junge Pflanze wachsen lassen möchte. Dabei habe ich nur die Schnittstellen bearbeitet, damit sie nicht mehr künstlich aussehen. Das Holz aber werde ich weder mit Feuer behandeln noch konservieren. Ich glaube nämlich, dass man sehr viel über Totholz und Totholz"techniken" lernen kann, wenn man einem Stück Holz "frisch vom Baum" einfach dabei zusieht, was die Zeit mit ihm anstellt.
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zopf
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Beitrag von zopf »

Die morbide Schönheit des Zerfalls
beinhaltet durchaus verlockende Momente.
Irgendwann im Verlaufe des Zerfalls,
möchte man eingreifen, den Zerfall stoppen,
diesen speziellen Moment konservieren
und für immer erhalten.
Aber die Sanduhr lässt gnadenlos Ihre Körner fallen
und zeigt uns an, das die Zeit nicht stillsteht.
Wir können Jinmittel, Epoxydharz und wer weis was noch
einsetzten, aber das ist nur das Verlangsamen des Zeitflusses.
Der Baum lebt und daher sollte der Verfall
die Basis, der Nährstoff für das Neue sein.
mfG Dieter
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flu
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Beitrag von flu »

Hach Dieter, das hast du schön gesagt, du alter Poet. :lol:
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