Austrieb erzwingen

Allgemeine Philosophie, Stilarten, Techniken, Vorstellung und Besprechung von Rohmaterial sowie lose Sammlung von Entwicklungs-Dokus
seeeb
Beiträge: 47
Registriert: 27.09.2005, 12:35
Wohnort: Chemnitz
Kontaktdaten:

Austrieb erzwingen

Beitrag von seeeb »

Hallo liebe Forengemeinde,

im Frühling diesen Jahres fand dieses kleine hübsche Bäumchen zu mir (Höhe ab Schalenrand 17 cm). Meiner Meinung nach hatte es viel Potential für einen schönen Shohin also machte ich mich ans Gestalten.
Bild 1: ungestaltet aber umgetopft nach dem Kauf
Bild 2: Bild von heute

Ich bin mit dem ergebnis schon ziemlich zufreiden nur eines stört mich noch: An der Stelle wo das Bäumchen einst gekappt wurde entspringen alle Äste nur auf einer Seite. (Bild 3) Das fällt aus der Frontansicht nicht auf weil andere Äste das gut verdecken, aber wenn ich es mir jeden Tag anschaue stör ich mich daran. Hoffnung sehe ich darin, dass an einer Stelle schon mal ein Ast gewesen sein muss und es auch aussieht als ob dort Knospen wären. Nur wie bringe ich die auch zum austreiben??? Ich habe das Laub der anderen Äste an der Stelle bereits so ausgelichtet, dass Licht gut an die Stelle dringt, aber ich glaube das ist nicht sehr erfolgversprechend. Habt Ihr vielleicht noch einen anderen Tipp?

Viele Grüße

Sebastian
Dateianhänge
Bild 3: Nahaufnahme Schnittstelle mit einseitigem Austrieb
Bild 3: Nahaufnahme Schnittstelle mit einseitigem Austrieb
CIMG4010.jpg (69.95 KiB) 7734 mal betrachtet
Bild 2: Bild von heute
Bild 2: Bild von heute
CIMG4013.jpg (57.29 KiB) 7734 mal betrachtet
Bild 1: ungestaltet aber umgetopft nach dem Kauf
Bild 1: ungestaltet aber umgetopft nach dem Kauf
CIMG3687.jpg (48.19 KiB) 7734 mal betrachtet
Benutzeravatar
Tropenfreak
Beiträge: 539
Registriert: 09.06.2006, 11:47
Wohnort: Österreich/Kärnten/Wolfsberg

Beitrag von Tropenfreak »

Hallo Sebastian

Ablaktieren scheint mir für dein Problem eine gute Lösung zu sein.
Einfach mal die Suchfunktion mit dem Suchbegriff "ablaktieren" quälen, da steht so einiges, was dich interessieren könnte.
Der Spirituelle Intellekt des Agrarökonomen steht in reziproker Relation zur Quantität seiner subterranen Knollengewächse ;-)

Mfg Roland
seeeb
Beiträge: 47
Registriert: 27.09.2005, 12:35
Wohnort: Chemnitz
Kontaktdaten:

Beitrag von seeeb »

Hallo Tropenfreak

vielen Dank für deine Antwort erstmal! An diese Methode hatte ich noch gar nicht gedacht. Ehrlich gesagt habe ich auch etwas Angst dem Baum bei seiner Größe mit einer solchen Aktion mehr zu schaden als zu helfen. Aber falls doch: sollte ich für dieses Vorhaben eher einen Steckling verwenden oder einen Ast der schon zum Baum gehört und den langwachsen lassen?

Ich hatte eigentlich auch gehofft dass jemand zu einer anderen Methode noch was sagt. Ich hatte mal irgendwo gelesen (leider finde ich den Beitrag nicht mehr) dass man den Austrieb schlafender Augen, mit einem halbmondförmigen Schnitt in die Rinde des Baumes unterhalb des Auges, fördern kann. Vielleicht ist auch das eine gute Möglichkeit für meinen Baum?

Gruß

Sebastian
Benutzeravatar
Andreas Ludwig
Mentor
Beiträge: 6756
Registriert: 29.03.2005, 16:50
Wohnort: Schweiz

Beitrag von Andreas Ludwig »

Sowas würde ich aufbohren und zuwallen lassen, evtl. in mehrerern Schritten, wahrscheinlich mit einem starken Rückschnitt am Anfang.
seeeb
Beiträge: 47
Registriert: 27.09.2005, 12:35
Wohnort: Chemnitz
Kontaktdaten:

Beitrag von seeeb »

Hallo Andreas,

danke für deinen Expertenrat. Das war zwar nicht meine Frage gewesen, aber die Schnittstelle ist auf jeden Fall auch ein Schönheitsfehler den es zu korrigieren gilt. Wie lange glaubst du würde das dauern bis die Wunde geschlossen ist? Und wie sollte ich der Reihe nach vorgehen?

Gruß

Sebastian
Benutzeravatar
Andreas Ludwig
Mentor
Beiträge: 6756
Registriert: 29.03.2005, 16:50
Wohnort: Schweiz

Beitrag von Andreas Ludwig »

hm... stimmt - die Antwort war es nicht, aber langfristig die bessere Lösung für das Problem. Die Sache mit den Mondsichelschnitten oberhalb von schlafenden Knsopen ist gut, wenn es funktioniert und ausser bei Ulmen: Die haben eine beachtliche Rinde, dazu knospen sie von selbst überall aus, wenn man ordentlich ausschneidet.

Wenn du dich jetzt also dazu durchringst, das Potential im Stamm und dem Kronenansatz zu sehen, nicht im Grün, kannst du dich auch von etwa 2/3 der Krone trennen. Gleichzeitig nimmst du einen scharfen Stechbeitel oder ein Fräschen und arbeitest diesen toten Stumpf heraus, komplett, mehrere Millimeter tief. Bis an den Rand arbeiten, es darf rundrum einen feinen Streifen Grün haben, das ist das lebende Kambium.

Bald werden sich an den Aststümpfen eine Menge Knospen bilden, die du eine Saison lang einfach wuchern lässt. Da kannst du zuschauen, wie sich am Kronenansatz alles schliesst. So - darum «langfristig» - entstehen die weiteren Äste, die zu brauchst, um eine geschlossene, dreidimensionale Krone zu haben.

Dauert höchstens 3 bis 5 Jahre.
seeeb
Beiträge: 47
Registriert: 27.09.2005, 12:35
Wohnort: Chemnitz
Kontaktdaten:

Beitrag von seeeb »

Hallo Andreas,

nochmals vielen Dank für deine Antwort. Auch wenn ich jetzt ein wenig traurig bin dass ich die Krone, die ich seit dem Kauf so schön hinbekommen habe, dann wohl vergessen kann, denke ich, dass du wohl langfristig recht hast mit deiner Methode.

Gruß Sebastian
Benutzeravatar
Peter L
Beiträge: 1120
Registriert: 27.09.2006, 14:06
Wohnort: Norddeutschland

Beitrag von Peter L »

Moin, moin Sebastian

Es gibt einen Spruch hierzu:
Um einen Baum so richtig gut aussehen zu lassen muss man ihn erst richtig häßlich machen......

Du musst hierbei immer das langfristige Ziel vor Augen haben, dann fällt Dir eine solche Maßnahme auch nicht schwer.

LG Peter
Benutzeravatar
camaju +
Freundeskreis
Beiträge: 10634
Registriert: 11.03.2005, 01:53
Wohnort: Ludwigshafen

Beitrag von camaju + »

Das Problem mit dem abgehacktem Stamm hatte ich auch. Sieht jetzt so aus.

War allerdings mein erster Versuch (noch nicht optimal). Muss wohl nächstes Jahr nochmal nacharbeiten.
Dateianhänge
ausgefraest_camaju.jpg
ausgefraest_camaju.jpg (63.07 KiB) 7409 mal betrachtet
Gruß Jürgen *wink*

Wer nicht mit Pflanzen und Tieren kann, kann auch nicht mit Menschen.

Ich moderiere in blau, der Rest ist nur meine Meinung
Benutzeravatar
Andre K.
Beiträge: 393
Registriert: 20.11.2006, 22:04
Wohnort: Stralsund

Beitrag von Andre K. »

Hallo Sebastian,
bei der Chin. Ulme ist es doch eher das Problem, die unerwünschten Triebe zu entfernen, das heißt, es wächst viel mehr als man braucht und das (fast) überall. Rückschnitt ist doch die beste Methode für Neuaustrieb (das mußt du eh immer wieder machen), dann kommen auch die fehlenden Äste nach.
Brauchst dir nur die entsprechenden aussuchen.
Zwei Drittel müssen es nicht sein dafür, allerdings schließe ich mich den Vorschreibern an, alles was jetzt stört, zu dick oder zu langweilig ist, würde ich auch jetzt schneiden. Um so schöner wird es später...
Benutzeravatar
Andreas Ludwig
Mentor
Beiträge: 6756
Registriert: 29.03.2005, 16:50
Wohnort: Schweiz

Beitrag von Andreas Ludwig »

Andre K. hat geschrieben:Zwei Drittel müssen es nicht sein dafür
Wenn er den Stumpf wegkriegen (überwallen) will - doch. Da muss ordentlich was drauf!


Edit - Bemerkungen zu diesem Stumpf:

So lassen hat gar keinen Sinn, der Baum wäre keiner. Es würde sich so entwickeln, dass die Kalluswülste unterhalb der Äste (Beispiel Ziffer 1) noch etwas breiter werden, vor allem aber, dass die Rinde oberhalb Ziffer 2, bereits trocken, von seitlicher Kallusbildung auf- und weggedrückt wird. Auf lange Sicht würde dann das trockene Holz innen an dieser Stelle verrotten und langsam einen schräg liegenden, evtl. fauligen Krater bilden oder einen Riss.

Der Kallus überwallt nicht alles, vor allem dann nicht, wenn er weit unten entsteht. Wachstum wird bei Ulmen nicht nur angeregt durch Licht, sondern auch unterdrückt durch Stoffe, die in den Triebspitzen entstehen und von da zurückverfrachtet werden. Das ist sehr sinnvoll, denn es bewahrt den Baum davor, sich dort zu investieren, wo es nichts bringt.

Für uns bedeutet es: An solchen Stellen ist die Überwallung deutlich schwächer und stoppt irgendwann am Totholz. Darum muss dieser Wiederstand weg - eine mechanische Sache - und darum müssen die Äste zurückgeholt werden - um einen Schub auszulösen. Kallus entsteht nicht langsam, er wächst erst schnell, dann immer langsamer und irgendwann stoppt er.

Vermutlich wirst du die Stelle über der 2 stärker ausschnitzen müssen, wie übrigens auch camaju noch etwas rausnehmen könnte, evtl. einen ganzen Keil - man muss Bahn schaffen für den Kallus.
Dateianhänge
cimg_var.jpg
cimg_var.jpg (36.7 KiB) 7371 mal betrachtet
Benutzeravatar
dirk78
Beiträge: 212
Registriert: 25.07.2005, 15:12
Wohnort: Deutschland

Beitrag von dirk78 »

Hallo Jürgen,

bei deinem gezeigten abgehackten Stamm sehe ich auf Dauer nur das Problem, dass durch Giessen sich Wasser in dem Bereich der Wunde ansammeln könnte. Das wiederum könnte bewirken dass der Stamm von innen her morsch wird, bzw. verfault.

Da muss man höllisch aufpassen, dass das Gießwasser immer gut ablaufen kann.

Ich hatte sowas auch schon bei einer koreanischen Hainbuche.

Resultat letztendlich war dann so, dass ich fast die Häfte des Stammes aushöhlen und mit Jinmittel konservieren musste, um den Fäulnisprozess zu stoppen. Die Hainbuche sieht jetzt zwar gleich um gute 100 Jahre älter aus und natürlich viel interessanter, aber wirklich gebraucht hätte ich das bei einem Laubbaum nicht.

Ist nur ein Tipp von mir, bzw. eine Erfahrung die ich nun reicher bin.
Gruss

Dirk
Benutzeravatar
Andreas Ludwig
Mentor
Beiträge: 6756
Registriert: 29.03.2005, 16:50
Wohnort: Schweiz

Beitrag von Andreas Ludwig »

Pardon - es ist kein Baum für einen Hohlstamm und es ist eine Ulme (meine ich nach wie vor...). Hainbuchen sind wieder was anderes.
Benutzeravatar
camaju +
Freundeskreis
Beiträge: 10634
Registriert: 11.03.2005, 01:53
Wohnort: Ludwigshafen

Beitrag von camaju + »

@ Dirk. Das "Wasserproblem ist bekannt, und im Griff :wink:

@Andreas

Wie schon gesagt, wollte ich im nächsten Jahr in Angriff nehmen.

Oder kann da jetzt noch was gemacht werden ?
Gruß Jürgen *wink*

Wer nicht mit Pflanzen und Tieren kann, kann auch nicht mit Menschen.

Ich moderiere in blau, der Rest ist nur meine Meinung
Benutzeravatar
Peter L
Beiträge: 1120
Registriert: 27.09.2006, 14:06
Wohnort: Norddeutschland

Beitrag von Peter L »

Um den Kallus weiter anzuregen eine Wunde zu überwallen kann man ihn wieder an der Seite anschneiden die weiter "wachsen" soll. So bekommt man auch größere Wunden zu.
Grundsätzlich würde ich vorschlagen nur soviel von dem Kernholz zu entfernen wie unbedingt notwendig ist, um die Fläche/Wunde klein zu halten.

@Jürgen
Du hast sehr viel von dem Kernholz entfernt, so dass es auf dem Bild so ausschaut als wenn die Saftbahnen schon erreicht sind.

LG Peter
Antworten