Ästethisches II: Wahrnehmung

Alles andere was zu Bonsai passt.
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Andreas Ludwig
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Ästethisches II: Wahrnehmung

Beitrag von Andreas Ludwig »

Guten Abend!

Mit dieser Floskel möchte ich eine friedliche Gesinnung einleiten, denn es kann hoch zu und her gehen, wenn es um ästethische Wahrnehmung geht, wie etwa dieses Beispiel zeigt.

Gehen wir das doch mal in Ruhe durch. Was ist passiert? Es wurde ein Bild gezeigt von einer Tokonoma mit einer Ikebana-Gestaltung. Einigen sagte das gar nichts und das drückten sie aus. Andere waren daraufhin empört und drückten das aus. Bald ging es nicht mehr um Ikebana, sondern um persönliche Eitelkeiten, um das Gefühl, angegriffen zu werden und das Bedürfnis, sich zu verteidigen.

«Das ist faszinierend!» würde Spock sagen.

Ich finde es eher bedauerlich und manchmal sogar beklemmend, weshalb ich der Sache hier gerne etwas auf den Grund gehen möchte. Also nochmals die Kernfrage: Was ist passiert?

Wir haben mindestens zwei Lager in dieser Frage, eher sogar drei: Einerseits die, die mit Ikebana schon ihre Erfahrungen hatten und darum zumindest gewöhnt an diese Sache sind, vielleicht sogar gebildet darin. Dann haben wir die, denen das praktisch neu ist. Das dritte Lager lasse ich aus, es sind die, die irgendwie ahnen, das Ikebana zu einer klassisch-japanischen Bildung dazugehört und es darum gut finden. Ich lasse sie aus, weil ich das nicht gut finde: Von Auseinandersetzung ist da nämlich keine Spur, diese schwimmen bloss wohlig mit im Strom. Auch nicht besonders interessant sind die, die bereits einiges wissen, denn dieses Wissen kann sich jeder aneignen und dann ist er auch dabei.

Gehen wir also auf die interessante Seite, zu denen, die ganz schlecht reagieren, wenn sie auf brüskierende Äusserungen des Unverständnisses ebenso brüskierende Äusserungen des Unverständnisses ernten. Denn dort findet sich die Antwort auf meine einfache Frage: Was ist passiert?

Dazu muss ich einmal mehr etwas ausholen. Einer solchen Panne der Kommunikation (was es ist) muss ja etwas zugrunde liegen und dort liegt des Pudels Kern, nicht und niemals im darauf folgenden Streit. Legen wir also diesen Kern frei: Betrachter X tritt an «etwas» heran, das öffentlich präsentiert wird. Da passiert bereits etwas: Durch die öffentliche Präsentation wird das «etwas» exponiert, es wird zum Exponat - und damit (leider) auch «vogelfrei» in dem Sinne, dass jeder Vogel, auch der schrägste, sich berufen fühlt, es zu kritisieren. Darf er das? «Natürlich!» schallt es mir entgegen. Da sagt einer: «Dafür wird Kunst doch gemacht, um Empfindungen auszulösen. Die sind bei jedem anders und können sich mit der Zeit auch ändern.» (Er sagt auch noch anderes und wird es mir nicht übelnehmen, dass ich nur das eine hier zitiere!).

Hm. Kunst würde also gemacht, um so aufs Geratewohl auszulösen, was halt gerade so da ist? Da habe ich doch meine Zweifel. Wird Kunst nicht viel eher aus einer Zeit heraus, an einem Ort, in einem Zusammenhang gemacht, vielleicht nicht einmal bewusst in Bezug auf diese Dinge, sondern vielmehr, weil kein Künstler anders kann, als so verhaftet zu arbeiten? Das denke ich, kann man mal so annehmen und stehenlassen.

Tja. Dann entsteht aber eine Bringschuld beim Betrachter, wenn er denn ein würdiger sein will. Dann hat er das zu bedenken, wenn er betrachtet, hat sich allenfalls zurückzunehmen, nachzufragen und nachzuschauen (vielleicht sogar nachzusehen). Sich darauf hinauszureden, er sei doch bloss Laie, habe sich nichts Böses gedacht (so, so - wirklich nicht?), genügte dann nicht mehr, er müsste vielmehr versuchen, den Intentionen des Künstlers soweit näherzukommen, dass er sie beurteilen kann.

Ja, das sagt man so: Näherkommen. Was dann doch ein Weg ist. Ich gebe den interessierten Leserinnen und Lesern ein banales Beispiel dafür. Es ist ein Tuch, das mein Vater vor geraumer Zeit in Abidjan kaufte:
senofu.jpg
senofu.jpg (37.05 KiB) 2492 mal betrachtet
Es zeigt kryptische Figuren, die ich lange für Fantasie oder aber Marsmännchen hielt. Die Fotografie zeigt dagegen, was es wirklich sind: Kultische Tänze der Senofu an der Elfenbeinküste:
taenzer.jpg
taenzer.jpg (34.04 KiB) 2492 mal betrachtet
Was völlig unverständlich wirkt auf dem Tuch, sind die eigentlich ziemlich klaren (wenn man es dann mal weiss!) Abbildungen von Tänzern in Strohkostümen und geschnitzten Masken. Muss man erst mal wissen - und dann wird einem auch klar, wie wichtig diese Tänze sein müssen (sonst hätte der Künstler einen anderen Vorgang des täglichen Lebens abgebildet, nicht wahr?). Erst aus der Recherche zu diesem Tuch habe ich gelernt, was es «wahrhaft» ist, wurde in die Lage versetzt, es «wahrzunehmen».

Wahrnehmung. Sie setzt ein Verständnis für Wahrheit voraus. Wer sich bewusst ist, dass er diese gesamthaft niemals sieht, sondern immer nur die höchst relative Wirklichkeit eines Künstlers, also einen kleinen Aspekt der Wahrheit, ist klar im Vorteil. Er kann dann aus dem Wissen heraus, dass er nur ein Segment «wahr-nimmt», nur, was für den Künstler wirklich war, in seine kleine Wirklichkeit übertragen und vielleicht (vielleicht!) der grossen Wahrheit etwas näher kommen. Das will Kunst, sie will nicht verarschen, Geld scheffeln oder Leute vorführen. Sie will Dinge vermitteln, Was voraussetzt, das man Dinge aufnehmen kann.

Kunst erwartet also Sinnlichkeit beim Betrachter. Eine anspruchsvolle Sache. Darum genügt es einfach nicht, sich auf seinen «Geschmack» zurückzuziehen, nichts zu leisten, nichts zu erarbeiten - und doch urteilen zu wollen. Wer nur schöne Bilder erwartet, muss in die Plakatabteilung des nächsten Kaufhauses oder in den Blumenladen seiner Wahl gehen.

Die- oder derjenige, der sich betroffen fühlt, wird sich jetzt vielleicht auch provoziert fühlen, eine geharnischte Antwort zu verfassen. Lieber nicht. Denn ich habe ein Killerargument in der Tasche: Das Medium, in dem wir gerade alle unterwegs sind, das Internet. Meine These: Auch der letzte Depp kann sich heute innert kurzer Zeit (wenn er sie sich nur nimmt und etwas geistige Wanderlust verspürt) über irgend etwas ausreichend informieren. Das wiederlege man erstmal! Oder (mir lieber) teste es aus. Am Beispiel der Senofu vielleicht - (es sind begnadete Schnitzer, für die sinnlich Wahrnehmenden hier.)
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Totoro

Re: Ästethisches II: Wahrnehmung

Beitrag von Totoro »

Hallo Andreas,

das man stets nur einen kleinen, subjektiven Teil der "Wahrheit" aufnehmen kann war mir schon in früher Jugend klar.(Ich bin kein Einstein :oops: )
Dein Beispiel der Tänzer sprach mich gleich an. Instinktiv berühren mich "religiöse,spirituelle" Darstellungen egal aus welchem Kulturkreis . Ich glaube viele haben ein Gespür dafür. Totems, Fetische etc. Da ist es nebensächlich ob es eine Holzmaske aus Afrika, ein sibirisches Schamanenpüppchen oder ein Ikebana ist.
Dieses "mehr", ich kann es nicht näher beschreiben, erkennt man sofort.
Viele zeitgnössische Künstler bedienten sich ja auch von Werken der Dogon etwa. Die wußten wohl warum.

Das Bonsai aus dem Ikebana hervorging ist eigentlich auch sofort ohne umständliche Recherche erfühlbar. Die berühmten "Bonsairegeln der Japaner" stammen ja alle aus dem rikka. "shin" z.B


Gruß
Dirk
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Odoridori
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Re: Ästethisches II: Wahrnehmung

Beitrag von Odoridori »

Hallo Andreas,

ich teile all das was Du hier geschrieben hast uneingeschränkt. Gebe mir auch selbst etwas Schuld das
ich nicht nachsichtig war und einfach so wie Du auf die Suchmaschine verwiesen habe.
Ich kenne Frau Eichingers Ikebana schon von vorherigen Ausstellungen und weiß wie Sie arbeitet und
welche Persönlichkeit sie ist, deshalb haben mich die Äusserungen auch sehr persönlich getroffen und
wütend gemacht.

Vielleicht sollten wir den Anfängern, nicht nur die Grundlagen der Bonsaipflege und der Gestaltung vermitteln,
sondern Ihnen auch all die Künste die mit Bonsai ganz eng verbunden sind.

Viele Grüße
Holger
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Andreas Ludwig
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Re: Ästethisches II: Wahrnehmung

Beitrag von Andreas Ludwig »

Das scheint mir schwer machbar und nicht zwingend. Denn konsequent durchgeführt, müssten wir dann eine komplette Lebensführung kopieren - und wüssten nicht einmal genau, welche. Bonsai war ja immer einer Entwicklung unterworfen. Am Ende wären wir also fast zwingend «verspätete Japaner», die akribisch nachahmen, was dort bereits durchgeführt ist. Daann wiederum müssten wir uns irgendwann fragen, wer oder was wir jetzt eigentlich sind...

Ich wollte da nicht wirklich hin mit meinem kleinen Gedankenspiel, sondern bloss auf einen ganz einfachen, aber folgenschweren Zusammenhang hinweisen, der jeder Kunst zugrundeliegt und innewohnt: Die Sache mit den Chiffres und Codes. Ob Bild oder Skulptur, ob Melodie oder Text, Kunst kann sich immer nur irgendwie Chiffren bedienen, um sich auszudrücken. Das nimmt man gerne einfach so hin, aber da ist eine Gedankenfalle eingebaut: Während klar ist, dass die Buchstabenfolge «Ahuiyacan» nicht deutsch ist und die Reaktion darauf entsprechend Verwunderung oder Distanznahme, also Vorsicht ist, ist man sofort bereit, andere Codierungarten (Schrift ist nichts als eine Codierungsart für Mitteilungen!) viel lockerer zu nehmen, vielleicht gar nicht als solche zu erkennen.

Besonders bei der Bildbetrachtung geschieht das schnell: Ohne Ahnung zu haben, wer hier was womit und wie auszudrücken versucht hat, vertraut man der eigenen Wahrnehmung, ganz besonders dem Sehen. Man sieht doch, was es ist, nicht wahr? Und dieses Sehen funktioniert doch, man aht sich ja gekämmt vor dem Spiegel, die Krawatte gebunden, den richtigen Bus erwischt und die Zeitung gelesen. Dieses Vertrauen nennt man dann «eigenen Geschmack». Tatsächlich misst man so das Gesehene bloss am eigenen Erfahrungsschatz. Erkennt man etwas wieder oder glaubt das zumindest, ordnet man es da ein. Das hat zum Beispiel Andreas R. gemacht, als er die Äste im Ikebana als «nicht rechtzeitig zur Blüte gebracht» bezeichnet hat: Er hat die Arbeit an seinem Erfahrungsschatz in Bezug auf Blütenäste gemessen. Darum fielen sie dann bei ihm durch: Ihm war nicht bewusst, dass andere diesen Erfahrungsschatz erweitert haben und anders damit umgehen.

Das passiert sehr oft. Es begründet, warum einmal ein paar Schülerinnen zueinander sagten, der habe doch gar nicht schön zeichnen können, als der Lehrer sie durch die Van Gogh-Ausstellung führte, um ihnen diese rhythmischen Rohrfederzeichnungen näherzubringen. Sie sahen nur, dass die Proportionen manchmal nicht «stimmen». Es erklärt, warum unerfahrene Betrachter Picassos Versuche, zwei Ansichten in einem Portrait zu vereinen, als «irgendwie komisch» wahrnehmen - sie können seine Absicht nicht nachvollziehen - und warum viele in Beuys Fett- und Filz-Installationen gar nichts mehr sehen (sie wissen nichts von der Bedeutung, die er diesen Materialien gab).

Falsch oder verwerflich ist das nicht. Niemand muss Codes lernen, sich darin üben, Chiffres zu dechiffrieren. Sowenig, wie man Französisch lernen muss oder wissen, was Ahuiyacan heisst. Aber weiss man zumindest, dass man das nicht weiss, muss man sich nicht mehr beleidigt fühlen, wenn man ratlos vor einer chiffrierten Botschaft steht und kann es unterlassen, das zu bewältigen (Hohn ist ja bloss eine Bewältigungsstrategie, man lehnt vehement ab, was fremd ist, um so die eigene kleine Welt vor Störung und sich selber vor Verstörung zu bewahren). So gesehen ist die reaktion: «Wenn das jemand anderem etwas sagt..?» bereits reifer. Sie anerkennt, dass hier eine «Fremdsprache» gesprochen oder gemalt wird, Raum greift oder erklingt.

Tja. So kompliziert ist es, etwas anzuschauen...
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Odoridori
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Re: Ästethisches II: Wahrnehmung

Beitrag von Odoridori »

Hallo Andreas,

ich stimme Dir wieder voll und ganz zu. Es kann aber auch nicht Schaden wenn man mehr über die
Wurzeln der Bonsaikunst erfährt und aus welchen Künsten sie hervorgegangen ist.

In der Deutschen Suiseki Gesellschaft haben wir diese Künste alle mit eingeschlossen und berichten
in der Clubzeitung auch mit entsprechenden Artikeln.

Viele Grüße
Holger
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zopf
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Re: Ästethisches II: Wahrnehmung

Beitrag von zopf »

Hallo Andreas
Vielen Dank für Deine Bemühungen sich diesem Kontext zu nähern.
Wenn ich bis jetzt halbwegs richtig gefolgt bin
ist Kunst temporär und lokal, also im zeitlichen und örtlichen Kontext zu sehen ?
mfG Dieter
grüsse an die bewohner von melmac
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Andreas Ludwig
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Re: Ästethisches II: Wahrnehmung

Beitrag von Andreas Ludwig »

Dieter - wenn das so klar wäre, gäbe es keine Kunstgeschichte, keine erbitterten Diskussionen darum und keine Bilderstürme. Nicht nur ist alles in einem Kontext entstanden, sondern (und das machts dann wirklich schwierig) es steht jede Interpretation eines solchen Kontexts wieder in einem Kontext.

Ein Beispiel, das im Moment gerade wieder mal - Eurokrise sei Dank - von den Feuilletons aufgegriffen wird: Das Bild der griechischen Antike, das wir lange hatten, wurde massgeblich von Johann Joachim Winckelmann geprägt, wenn nicht geschaffen. Zum Beispiel die Vorstellung, dass die Griechen lauter schneeweisse, «reine» Marmorstatuen rumstehen hatten, indenen sich das Licht des Mittelmeers schön brach. Wird bei dir auch so sein, «erforsche deine Gefühle» wie es in unserer Generation heisst: Dieses Bild ist tief drin. Und völlig falsch. Wie man heute weiss, waren diese Statuen oft knallebunt bemalt, sogar vergoldet. Mist: Die edlen Helden der Antike als Pop-Artisten!

Jetzt geht es sogar noch weiter: Wahrscheinlich wirst du auch irgendwo im Kopf die Idee haben, die europäische Kultur sei durch die Griechen erfunden und die Römer verbreitet worden. Auch ein Produkt des Klassizismus. Alles spricht aber dafür, dass das viel dynamischer ablief und dass wir die Bedeutung der keltischen Kultur lange massiv unterschätzt haben, dass es zum «Südpol» der mediterranen Kultur auch den «Nordpol» der keltischen gab und man jede Entwicklung nur unter Berücksichtigung beider verstehen kann. So kam die Christianisierung der Schweiz etwa gar nicht aus Rom nordwärts, sondern via das damals ganz keltisch geprägte Irland südwärts (St. Gallen als Gründung des Iren Gallus, also «dem Gallier»!).

Am «Nordpol» noch etwas weiter: In einigen Ausgrabungen keltischer Bauten, die man als Kultplätze interpretiert, finden sich tiefe Ausschachtungen. Viele Meter tief. Am Grund oft Reste eines Baumstamms, Scherben, Knochen, auch menschliche. Auf dem Silberkessel von Gundestrup findet man nun eine Darstellung von Männchen, die einen Baum tragen und einem Mann, der ein weiteres Männchen in einen Kessel hält. Jetzt sind wir beim Kontextproblem: Im wiki-Artikel wird das als Initiation eines Kriegers gedeutet. Gerhard Herm* dagegen überlegt, ob das eine Opferung darstellen könnte. Beides sind Versuche, aus einem heutigen Kontext heraus einen sehr alten zu rekonstruieren, zu lesen, zu deuten.

Was würden die Kelten dazu sagen? Vielleicht kopfschüttelnd: «Die haben ja wirklich von nichts eine Ahnung!». Stimmt. Wir waren nicht zu dieser Zeit an diesem Ort. Ist auch lange her und darum ein sehr schwieriges Problem. Aber machen wir uns nichts vor: Wir waren auch nicht in Kokoschkas Atelier, als er die «Windsbraut» gemalt hat. Zwar wissen wir viel mehr über sein Verhältnis zu Alma Mahler als über die Kelten - aber wieviel wirklich? Und - soll man die Windsbraut überhaupt anschauen, ohne das zu wissen? Kann man es als «absolute Kunst» sehen?

*Gerhard Herm: Die Kelten. Rowohlt Taschenbuch, 1977
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Totoro

Re: Ästethisches II: Wahrnehmung

Beitrag von Totoro »

Hallo Andreas,

verhalten sich nicht manche Menschen (z.B Ich) oder sogar ganze Gesellschaften eher wie Schatzräuber wenn sie auf Neues ,Interessantes, Ästethisches treffen ? Da ist die Historie dieser neuentdeckten Kunst erstmal nebensächlich. Die Japaner haben auf ihren Reisen in China penjing entdeckt, für ästethisch gehalten und sich zu eigen gemacht. Die Römer mit den griechischen Statuen usw. So nahmen wir nüchterne Nord-Europäer die kalkweißen Heldenstatuen in unseren Fundus der Ästethik auf. Hätten wir sie knallbunt gesehen ,wären sie wahrscheinlich hier nie so populär geworden. Oder ?
In der Exotik muss vielleicht immer ein wenig Bekanntes durchscheinen um nicht abgelehnt zu werden. Im Bonsai halt der "Baum".


Gruß

Dirk
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Andreas Ludwig
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Re: Ästethisches II: Wahrnehmung

Beitrag von Andreas Ludwig »

Nachtrag:

Manch einer, der das liest, sich daneben fragt, welchen Ast er abhauen soll, wie man «das richtig macht» und wie das «nach den Regeln sein soll», mag sich fragen, was der Ludwig wieder will. Mit Chiffren, Winckelmann und den Kelten und dann noch der Windsbraut obendrauf. Vielleicht wird er mit Hohn reagieren, um sich vor Störungen seines bisher beschaulichen kleinen Gartens und Verstörung seiner bisherigen Klarheit zu schützen, indem er sagt: «Besserwisser! Der breitet doch nur aus, was er sich so angelesen hat!».

Das stimmt. Aber ich habe darüber hinaus eine Motivation. Ich will nicht darstellen, dass dieser Leser nichts weiss, sondern vielmehr, dass ich zwar mehr weiss, aber eigentlich (oder gerade darum) auch nichts. Ich will nicht erreichen, dass ich «der Bessere» bin, sondern vielmehr, dass er einen Moment zögert. Dass er zögert, sich rückwärts blickend zu bewegen als Gestalter. Das tut man nun mal, wenn man sich nach Vorbildern umschaut, denn die sind immer hinten, waren schon da. Sie können nicht helfen: Sie waren schon da.

Man hat keine Wahl, als einmal mehr zu wiederholen, was Sokrates schon wusste: Dass man nämlich nichts weiss. Nicht wirklich, nicht abschliessend, nicht so, dass man sich daran anlehnen und blind darauf vertrauen könnte. Es ist keine Gewissheit, es ist von Nahem besehen alles unklar, alles offen.

Das ist die einzige mögliche Position eines Gestalters, der sich ernst nimmt: Offenheit gegenüber der Unklarheit - und der gleichzeitige Wunsch, sie zu klären. Das auszudrücken, worüber er nachgedacht hat. Hier und jetzt. Alles andere kann er gar nicht. Er wird niemals ein Kelte sein, auch kein Kokoschka und auch kein Samurai. Er ist nur, wer er ist. Aber das immerhin. Also möge er gestalten, was ihm naheliegt. Vorbilder kann er haben, aber nachahmen soll er sie nicht. Er kann es nicht, er weiss doch zu wenig. Er ist allemal alleine und gestaltet alleine. Welcher Ast weg muss? - Der jeweils Richtige. Kein anderer. Jedesmal, wenn einer sagt, das sei der Richtige, ist das genau so - und doch bloss wacklige These aus einem wackligen Kontext heraus. Das kann für andere richtig sein oder aber falsch. Je nach Kontext.

Mut ist darum für den Gestalter viel wichtiger als Wissen.
Ich sehe durchaus die Versuche, mehr Wissen zu schaffen.
Ich vermisse mehr Mut.
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achim73
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Re: Ästethisches II: Wahrnehmung

Beitrag von achim73 »

andreas,
erstmal danke für diese profunden texte. es ist immer schön, wenn sich jemand die mühe macht, komplexes sachverhalte zu verdeutlichen (chiffren zu schaffen eben :) )


ein gedanke, der mir gerade so durch den kopf geht:

bei den bäumchen ist noch eine spezifische besonderheit im spiel: sie leben und haben in gewissem sinne einen eigenen gestaltungsdrang.

das führt für den künstler zu schwierigkeiten in der entwicklung seiner persönlichen vision:
ein maler (wenn er es denn kann) malt das selbe bild notfalls zehn mal, immer mit einem sich ändernden detail, und kann die wirkung studieren. d.h, er hat die kontrolle über sein medium.
bei uns hier trifft das aber nur bedingt zu: selbst der größte gestalter könnte niemals zehnmal den gleichen baum gestalten.

ein weiterer spezifischer kontext, dessen chiffren man im hinterkopf haben muss.
beispiel: wenn ein laie in einer bonsaiausstellung sagt: der da (ulme) hat aber viel schönere kleine äste und zweige als der (stieleiche).
Gruss, Achim
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Andreas Ludwig
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Re: Ästethisches II: Wahrnehmung

Beitrag von Andreas Ludwig »

Das ist eine interessante These, Achim. Aber stimmt sie? Ich «lese» mal einige deiner Chiffren und versuche, meine Interpretation dazuzustellen. So formuliert, um diesen Vorgang des Chiffrierens und Dechiffrierens nochmals herauszustreichen.

Zuerst fällt mir auf, dass du klare Ordnung schaffen möchtest, indem du «uns» (die Bonsaigestalter) von «denen» (andere, bei dir vor allem bildende Künstler) unterscheidest. Ginge man nach anderen Stichworten vor als «Bonsai» und «Kunst», käme sicher eine ganz andere Einteilung heraus. Im Osthaus-Museum in Hagen steht ein Hinweis darauf: Ein Spaltklotz, in dem der Kopf einer Axt steckt, durch den ein kleiner Baum gewachsen ist, der später abgehauen wurde. Es ist ein Kunstwerk (kein Bonsai 8) ) und Timm Ulrichs, der Urheber, nennt es die natürliche Herstellung eines Axtstiels*. Ich denke mal, er und Nick Lenz hätten eine Menge Spass zusammen. Andere auch? Gerade solche Überlappungen und Annäherungen machen es mir schwer bis unmöglich, so einzuteilen wie du. Eigentlich ist da kein Zaun, höchstens ein Zwischenraum.

Dann meinst du, Bäume hätten einen eigenen Gestaltungsdrang. Dass das gerne angeführt wird, wenn eine Baumgestaltung kritisiert wird («Dieser Ast war halt da, das ist das Besondere und Individuelle an diesem Baum»), also oft bloss Schutzbehauptung ist, indem man als Gestalter quasi dem baum die Schuld gibt, lasse ich mal aus. Sicher gibt es diesen Drang - aber ebenso sicher kann man ihn einbeziehen und damit umgehen. Walter Pall tut das in hohem Masse, um zu seinem «Naturalismus» zu kommen. Er düngt und giesst aber bei weitem nicht nur Zufälligkeiten, wie seine Entwicklungsbeispiele zeigen. Im Gegenteil ist da sehr viel Kontrolle des Gestalters (mehr, als sie etwa Mozart über Karajan hätte...). Gar nichts zufälliges sehe ich in vielen klassischen Bonsai-Gestaltungen: Da wird z.B. ein Yamadori, also etwas Gefundenes (ein heute üblicher Vorgang in der bildenden Kunst!) bewusst ausformuliert, bewusst hingestellt und mit einem bewusst dressierten Grünkäppchen dekoriert. Der Anteil des Zufalls ist da eigentlich geringer als in einem Aquarell! Übrigens ist es unmöglich, zehnmal dasselbe Aquarell hinzukriegen...

Ich könnte jetzt noch dies und das erzählen von störrischen Malmitteln, unberechenbaren Drucktechniken, absoult einzuhaltenden Trockenzeiten, Unverträglichkeiten von Pigmenten und Bindemitteln, nachdunkelnden Bildern. Ein Musiker würde beisteuern, dass jede Aufführung eines klassischen Stücks eine neue Interpretation ist, dass Beethoven seine Musik nie gehört hat wie wir und ein Restaurator vom Problem des Originalzustands etwa bei Bronzen, die unter freiem Himmel stehen. Alles Hinweise darauf, dass wir in unterschiedlichem Mass doch immer wieder verwandten Phänomenen begegnen und überall durch das Medium gebunden sind, niemals umfassende Kontrolle haben. Du hast recht: Das Medium, das Gestaltungsmittel «Baum» bringt Eigenarten mit sich, Beschränkungen auch. Das tut jeder Bleistift aber auch. Genau da sehe ich aber die Verwandtschaft von Bonsai zu irgendeiner Kunstdiziplin, genau darum komme ich zum Schluss, verholzende Pflanzen seien nichts weiter als ein Medium, eine Technik, eine Sprache, eine Chiffriermethode. Im Laufe der zeit hat sich einfach die vermeintliche Klarheit des Begriffs «Baum» darüber gelegt. Das ist die wirkliche Einschränkung - aber sie ist willkürlich und selbst auferlegt, etwa so, als dürfte man Italienisch nur für Pizza-Rezepte brauchen.

* eine Abbildung findet sich via Google unter diesem Titel in einer PDF-Datei über Baumschutz in Bochum (Seite 9), auch im gedruckten Band «Bäume» von Günter und Laila Mader, Komet-Verlag 2004
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Re: Ästethisches II: Wahrnehmung

Beitrag von Andreas Ludwig »

Nachtrag und Differenzierungsvorschlag zu Achims Gedanke:

Viele Basics-Artikel hier lassen mich manchmal zweifeln. Ganz einfach, weil ich den kommenden Frust eines jungen Gestalters ahne. Da will einer Potentilla «über den Stein» ziehen. Ausgerechnet diesen «Schwammfuss»! Dann will ein anderer einen Spitzahorn-Shohin. Ok - und alles mit einem einzigen Blatt zudecken... Ein dritter stopft Wacholder und Birke in ein- und denselben Topf. Viel Spass beim «hälftigen Giessen»...

Es wäre sinnvoll, die «sprachliche Begabung» der Baumarten viel stärker zu beachten. Es werden akribische Listen erstellt, wie man geneigt von windgepeitscht unterscheidet, welche Schale genau passt - und dann kann der Baum, der nunmal nur «Ahorn» oder «Granatapfel» spricht, das gar nicht formulieren.
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Re: Ästethisches II: Wahrnehmung

Beitrag von achim73 »

andreas, die punkte, die du angesprochen hast, sind mir beim schreiben auch durch den kopf gegangen.
ich habe sie aber erstmal weggelassen, damit eventuell die leute (wie du das ja auch getan hast) wieder den rückschluss ziehen zu anderen kunstarten und ob das wirklich so ist.

ich glaube auch, dass das phänomen eigentlich bei jeder kunstform in mehr oder weniger grossem maße vorhanden ist. hier aber ganz besonders, weil es ein lebendes medium ist. d.h, es gestaltet sich selbst permanent weiter.
und das ist etwas, was natürlich nicht nur bei der erschaffung, sondern auch bei der wahrnehmung eine rolle spielt.

das wiederum ist aber auch einer der faszinierendsten aspekte an der ganzen sache für mich.
z.b. der wandel der jahreszeiten (und da gehts schon wieder weiter mit dem kulturellen hintergrund bzw. den kulturspezifischen emotionen, die sie wecken - osterfreuden bei der blühenden forsythie, das kirschblütenfest in japan etc....)
Gruss, Achim
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zopf
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Re: Ästethisches II: Wahrnehmung

Beitrag von zopf »

Hallo
Im Moment ist man der Ansicht das griechische Statuen gefasst waren,
schaun wir mal wie "wissenschaftlich fundierte" Meinung in ein paar Jahren darüber urteilt.
(Ist ernsthaft gemeint, da ich in den letzten 30 Jahren
soviele unterschiedliche Untersuchungen zu den selben Themen
aber mit sich ändernden Schlussfolgerungen verfolgen konnte.)
Pavarotti gilt als Künstler der eine Arie (in einer für viele unverständlichen Sprache) trällert
und dabei nur eine Interpretation (nur sehr kleine Modifikationen),
einer vor Zeiten geschriebenen "Unterhaltungsmusik", zum Besten gibt.

Wenn dieses Gebilde "Kunst" ein kleines Objekt in einem großen Universum darstellt,
versuche ich nur Stück für Stück vom Universum abzuknabbern
um mich dem Gebilde zu nähern.
mfG dieter
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Re: Ästethisches II: Wahrnehmung

Beitrag von Andreas Ludwig »

«In der Politeia hatte Platon die Künste als bloß an der Erscheinung orientiert gekennzeichnet, was heißt, dass sie sich nicht an den Ideen orientieren, sondern an den sinnlichen Erscheinungen. Die sinnlichen Erscheinungen selbst sind wiederum unvollkommene Abbilder bzw. Repräsentationen der Ideen. Anders gesagt, bilden sie die Ideen auf defiziente Weise ab. Wenn nun die Kunst sinnliche Dinge zu ihrem Gegenstand hat, so bezieht sie sich mimetisch auf etwas bereits Mangelhaftes und entfernt sich von den Ideen noch weiter, als es die real existierenden sinnlichen Dinge schon tun.»

Aus wikipedia, Stichwort «Mimesis». Lesenswert.

Entgegen Platon ist die grosse Frage der Kunst heute, wie man (immer) wieder zu den Ideen und Dingen hinkommt. Was also «Wasser» ist. «Ein bisschen Wasser» ist da keine Antwort, Dieter. Nicht, wenn man über sich hinausgehen will. Dann gilt: Alles oder nichts. Sonst ist es halt doch nur ein Hobby. Sorry to say.
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