Totoro - ich gebe fast nie auf. Darum erzähle ich dir was aus einem meiner früheren Leben, als ich Musikkritiker war. Frag nicht, woher ich damals den Mut dazu nahm, irgendwie hatte ich ihn und bereut habe
ich es nie.
Mir gab es zwei-, dreimal die Woche Gelegenheit, «erlesenste Kultur» umsonst zu geniessen - was die Leser des betroffenen Lokalblatts davon hatten, weiss ich dagegen nicht.
Item. Eines Abends war Brendel da. Alfred Brendel, der bekannte Pianist. Er spielte unter anderem das
20. Mozart-Klavierkonzert in d-moll. Aber wie: Die Kadenzen waren beglückend, aber mir völlig fremd. Ich kannte eigentlich alle Mozart-Kadenzen auswendig, ganz regelbewusst, die von ihm selbst, die von Beethoven, einige von Pianisten-Grössen, diese aber nicht. Also ging ich hin und fragte als Jungspund den grossen Brendel, was das für Kadenzen waren. Brendel (der Augen hat wie Einstein), schaute mich über seine Brille an und sagte: «Das waren meine eigenen». Ich stotterte nach Jungspund-Art irgendwas rum, worauf er nachsetzte in seinem fast schon therapeutisch-österreichischen Deutsch: «Glauben Sie, dass Mozart zweimal dasselbe gespielt hat? Ich nicht. Also spiele ich einfach, was Mozart auch gespielt hätte».
Solche Begegnungen (es gab noch eine Menge mehr davon), zeigten mir, dass Kunst da anfängt, wo der Jungspund den Marmorsockel erklommen hat, mit dem Künstler auf Augenhöhe steht und einigermassen per Du mit ihm ist. Erst von da an ist es Kunst, erst von da an kann man die Arme ausbreiten und leicht arbeiten. Darunter ist es bloss Anbeterei, ein Krampf, das Bemühen, die Regel einzuhalten...
Ah ja - die Hainbuche.
Für mich eine Brendel-Kadenz.
Kann ich so stehenlassen.
Was Brendel und Mozart angeht: Die Aufnahme mit dem Schottischen Kammerorchester unter Sir Charles Mackerras (erschienen bei Philips 1999) finde ich die allerbeste. Besonders Track 4, den 1. Satz von Konzert No. 24 in c-moll. Aber das bloss so für Geniesser.