Was mir an vielen Gestaltungen besonders imponiert: krasseste Übergänge und Widersprüche oder wirre und eckige Astverläufe werden einfach in Szene gesetzt, statt dass man - wie beim 'klassischen' japanischen Bonsai - versucht, Fehler zu kaschieren, Übergänge zu glätten und irgendwie noch eine Idealgestalt hinzukriegen. Inwieweit ist dann aber der Begriff mochi-komi eigentlich noch anwendbar, wenn die Gestaltung gerade von einer gewissen Rohheit lebt?
Zunächst einmal Danke für die Erklärungen.
Wenn ich mir die Galerie noch mal so anschaue, dann fällt mir zudem auf, dass der Chinese es mit der Proportion Schale - Baum auch nicht immer ganz so verbissen sieht wie der Japaner.
KHarry hat geschrieben:Inwieweit ist dann aber der Begriff mochi-komi eigentlich noch anwendbar, wenn die Gestaltung gerade von einer gewissen Rohheit lebt?
Na ja – wozu sollen die Chinesen japanisch sprechen?
Ich habe diese Fragen sinngemäss mal einem Chinesen gestellt, ein älterer kultivierter Herr aus meiner Bekanntschaft. Erstens ist mir aufgefallen, dass er die japanische Bonsaitradition schlicht negiert. Da ich bei anderer Gelegenheit gemerkt habe, dass er die Japaner als «Kulturräuber» anschaut und sich als Vertreter der wesentlich älteren Kultur, habe ich dazu lieber nix gesagt.
Wesentlicher schien mir der Aspekt der «Geschichte»: Ein schöner Penjing sei eine schöne Geschichte. Und: «Man darf nicht spüren, dass der Baum beherrscht wird». Damit meinte er die sichtbare Präsenz des Gestalters in der Arbeit. Das sei «typisch japanisch».
Soweit so gut. Und jetzt kann das wohl jeder so verstehen oder auch anders…
Leider kennen wir die Geschichten nicht, die die Bäume erzählen sollen. Wir haben nur die Bilder. Nur von einem weiß ich sie ungefähr, Baum 107, der für mich besonders irritierend aussah, bevor ich die Geschichte erfuhr. Der waagerechte Ast soll das Verhältnis des Gestalters zu seiner Familie symbolisieren. Irgendwann hat er beschlossen, sein eigenes Leben zu führen, das sich recht weit von seinen Wurzeln entfernte. Aber inzwischen kehrt er langsam zu seinen Ursprüngen zurück, wenn er auch weiterhin einen deutlichen Abstand wahrt.
Der Baum ist inzwischen etwas umgestaltet worden, so daß diese Intention deutlicher wird. Auch die häßliche Schienung des waagerechten Astes ist inzwischen entbehrlich geworden.
In der Tat ist das "Geschichtenerzählen" mit Bäumen der japanischen Tradition wohl eher fremd. Darauf hat schon D. Koreshoff aufmerksam gemacht. Der zweite von dem chinesischen Herrn genannte Aspekt, das Zurücktreten des Gestalters hinter seiner Arbeit, scheint mir aber in Japan genauso vorhanden zu sein. Letztlich geht es dabei um den Gedanken der "Kunstlosigkeit der Kunst". Sie soll nicht wirken als wäre sie gerade produziert worden, sondern als sei sie immer schon dagewesen. Das ist ein gängiger Gedanke in der Zen-Kunst.
Eigentlich wollte ich eher andeuten, wie unklar die Unterschiede zwischen diesen «Schulen» sein können. Ist ja oft so. Da gibt es einige Verständnisprobleme: letztlich unübersetzbare Begriffe, kaum vergleichbare Wertsysteme. Für uns mag z.B. das kaiserliche chinesische Beamtentum sehr ähnlich strukturiert gewesen sein wie die japanische Samurai-Kaste. Sehen die aber anders. Zu Recht?
Du assoziierst die Zen-Kultur. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der chinesische Bekannte bloss einmal mehr sein allgegenwärtiges Misstrauen gegen die ehemalige Besatzungsmacht Japan einfliessen liess. Das schafft er auch, wenn man mit ihm über sonstwas redet.
Die Suche nach dem klärenden Begriff, dem absoluten Kriterium zur Unterscheidung – da liegt der Fehler.
@ flu,
ja das ist der Baum. Er steht jetzt in einer flachen Schale und die Rückseite ist zur Ansichtsseite geworden.
@ Andreas Ludwig,
sicher wird Dein chinesischer Bekannter nicht an Zen gedacht haben. Das hat dort schon lange keine wesentliche Rolle mehr gespielt. Aber in Japan. Ich wollte nur sagen, daß Dein Bekannter sich irrt, wenn er das den Japanern grundsätzlich abspricht. Aber es gibt sicher viele Bonsai, auf die seine Beobachtung zutrifft. Nur gibt es die wohl auch in China.
In der Tat: Kriterien zur Unterscheidung von Penjing und Bonsai gibt es nicht und kann es nicht geben, schon weil die Bonsai früher mal Penjing waren. Aber einige unterschiedliche Akzente gibt es schon.
Den Unterschied zwischen den chinesischen Literaten-Beamten und den Samurai kann man hingegen soziologisch sehr gut fassen. Literat wurde man durch Bestehen einer Prüfung, Samurai war man von Geburt an. Und an dieser simplen Tatsache kann man einen großen Teil der administrativen und auch der kulturellen Unterschiede zwischen beiden Staaten festmachen. Aber das ist ein anderes Thema.