Danke Heiner! Ja, diese Erfahrungen mache ich mit großer Freude auch mehr und mehr... nur nicht wirklich beim Feldahorn. Umso schmeichelhafter ist eure Annahme, ich hätte dem Baum in Teilen die Führung überlassen. Den Eindruck hatte ich nämlich bisher kaum, gemessen anhand der Zusammenarbeit mit meinen anderen Bäumen.
Bonsai-Fips hat geschrieben: 16.02.2020, 00:10
...ich überlege mir oft gerne, wie ich einen Baum zu gestalten versuchen würde. Ich hoffe, es ist für Dich in Ordnung, wenn ich eine spielerische Fingermal-Skizze anhänge. Sonst gib Bescheid, dann lösche ich sie wieder.
Mein Gedanke war in etwa: Da der Hauptstamm vermutlich immer wesentlich stärker wie der Substamm sein wird, habe ich den Substamm unter geordnet. so dass er keine Konkurrenz zum Hauptstamm ist, sondern "nur" die Lücke nach dem "Schicksalsschlag"/Uro füllt.
Danke Fips, sofern du mir gestattest ungeniert meine Gedanken dazu zu äußern, nehme ich deine Idee gerne entgegen. Ich hatte ja hier schon meine drastische Sammlungsreduktion 2018 erwähnt. Von über 50 Bäumen wollte ich nur 20 übrig lassen (Jungpflanzen und Shohin ausgeschlossen), um Raum für Zeit mit meiner Familie zu schaffen und mir den Druck bei der jahreszeitlichen Pflege zu nehmen. Diese Phase war die bisher lehrreichste überhaupt. Mir blieb ja nichts anderes übrig, als mich damit auseinander zu setzten, was ich eigentlich wirklich mit Bonsai wollte und auf welchen Werten meine Beschäftigung mit Bonsai überhaupt aufbauen. Bis auf 30 übrige Bäume zu selektieren fiel noch relativ leicht. Wenn ich von der gleichen Art einen signifikant besseren hatte, musste alles andere weichen. Wenn ein Baum einen „Fehler“ hatte mit dem ich mich einfach langfristig nicht hätte anfreunden können, musste auch der gehen, egal wie eng ich mich durch die Jahre zuvor mit ihm verbunden fühlte. Bei dem letzten zu reduzierenden Drittel gefiel mir jeder Baum und in jedem sah ich großes Potenzial. Das ausschlaggebende Kriterium wurde dann, ob die Bäume mir das Gefühl gaben einen wahren Baum in ihnen zu sehen. Bis auf eine einzige Ausnahme, ein abstrakter Baum mit unheimlichem Potenzial, musste alles gehen.
Ich vertrete also ähnliche Gedanken wie Dieter:
zopf hat geschrieben: 16.02.2020, 08:52
Vielleicht ist es nur die eingeschränkte Sichtweise meiner "inneren" Baumbilder,
aber für mich meine Augen ist irgendwie "festgelegt"
gerader Stamm - gerade Stammlinie - symmetrische Krone (gilt auch für Besen) - Kronenspitze über dem Stammfuß
Stamm mit einer Richtung - asymmetrische Krone - Kronenspitze nicht lotrecht
Aber ich belasse mir noch einen mehr oder wenigen großen Spielraum, der auch vermeintliche „Fehler“, im Einklang mit der Evokation eines Baumes, zulässt. Dieser Spielraum ist entweder geprägt von den mir bekannten tlw. über 500 Jahre alten Bäumen, die sich offensichtlich zu einem gewissen Grad manchmal auch nicht an die Spielregeln halten, oder im Zweifelsfall ziehe ich meine Intuition zurate. Der traue ich ohnehin deutlich mehr zu, als meinem beschränkten wertenden Verstand.
Im Falle deines Gestaltungsansatzes sehe ich für meinen Geschmack nicht mehr genug Baum in dem Resultat. Die Silhouette scheint mir unterproportioniert und die stark zurückweisende Krone gleicht nicht mehr meinen inneren Baumbildern.
Aber - das Resultat hat durchaus ästhetische Reize und damit seine Daseinsberechtigung. Das Uro wird auf diese Weise schön eingerahmt, die Aststrukturen im Zentrum werden betont. Es ist ein anderer Stil. Mehr oder weniger abstrakte Kunst und Realismus lassen sich nicht sinnvoll vergleichen, sie legen andere Wertesysteme zugrunde. Das würde ich z.B. bei Bewertungen auf Bonsaiausstellungen kritisieren.
Ich denke die Wertung über „Fehler“ ist stets subjektiv. Deshalb kann die Kommunikation und die Äußerung der subjektiven Emotionen sehr sinnstiftend für das Verständnis und den gemeinsamen Genuss einer Sache sein. Die wenigsten Bäume hier im Forum würde ich besitzen wollen – aber ich kann sie trotzdem genießen.