Bonsai sind wie Heiligenstatuen

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Junimond
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Beitrag von Junimond »

hi andrea,
hab Deine Zeilen mit größtem Genuß gelesen.
Mußte schmunzeln.
Nein, nicht verächtlich, sondern vielmehr weil mir diese Gedanken auch schon des öfteren durch den Kopf gegangen sind!
zu 3) ...die Abstraktion von Bonsai:
ja, wirklich interessant und sicher von Bedeutung für die Zunkunft. Oder einen westlichen Weg.
Trotzdem
Was Du als abstrakten Charakter bezeichnest...z.B. die roten Beeren am kahlen Zeig eines Ilex. Die sind zwar wirklich knallig rot - ok. - aber entschuldige, ich kann an einer roten Beere nichts abstraktes entdecken!
Mir ist schon klar worauf Du hinaus willst, aber durch rote Beeren wird ein Bonsai noch nicht abstrakte Kunst!? Oder?

Läuft man auf dieser Ebene nicht gefahr die Sache zu vordergründig anzugehen? Bonsai sind Bäume oder Sträucher! Die sind und bleiben natürlich. Würde man sie in einer absolut unnatürlichen (abstrakten) Form gestalten, wäre das sicher eine abstraktion in Sachen Form. Aber der Baum bliebe doch ein Baum. Die Gefahr dabei ist den Bonsai dadurch ehre krotesk zu machen. Ein Spiel mit Farben hat wahrscheinlich die gleiche wirkung. Vielleicht kann man etwas mit der Kombination von besonderen Materialien erreichen!?

Aber all das ist immer vordergründig und, oder plakativ! Warum nicht eine Aussage in die Figur des Baumes legen? Etwas auf den ersten Blick nicht auffälliges! Da fällt mir gerade Nick Lens ein, der sich schon so manchen Schabernack hat einfallen lassen! Einige Arbeiten von Ihm sind einfach köstlich. Die Aussage ist autentisch.

Ob Wolf D. Schudde, Farrand Bloch oder eben Nick Lenz - es haben schon einige versucht neue Wege zu gehen. Das waren mit sicherheit neue Ansätze! Bestimmt haben sie damit einiges bewegt, so manchen zu freierem Denken gebracht. Ich finde das im übrigen sehr wichtig, daß sich jemand traut was neues zu suchen!!!
Aber so einfach ist das eben nicht! Trotzdem---wir sollten da nicht aufgeben! Bevor man sich jedoch an Abstraktion wagt, sollte man die Klassik perfekt beherrschen! (Ist nicht persönlich gemeint, sondern grundsätzlich) Und trotz aller westlich modernen Versuche finde ich die klassische Bonsaigestaltung eine spannende und wunderschöne Sache!

Gruß, Uli E.
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Walter Pall
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Beitrag von Walter Pall »

Der Mann hat nichts von Bonsai gewusst, aber wohl von Kunst und Kitsch.

Aus „Rodin on art” von Paul Gsell
Übersetzt von Walter Pall

Einige Zitate von Rodin:

Tatsächlich ist in der Kunst nur das schön, was Charakter hat. Charakter ist die grundlegende Wahrheit eines jeden natürlichen Objektes, ob hässlich oder schön; man kann es sogar eine doppelt Wahrheit nennen. Weil es die innere Wahrheit ist, die durch die äußere Wahrheit übersetzt wird; es ist die Seele, die Gefühle, die Ideen, die durch Merkmale eines Gesichtes oder durch Bewegungen und Taten eines Menschen ausgedrückt werden.

Nun, für den großen Künstler, hat alles in der Natur Charakter; denn die unerschütterliche Direktheit der Beobachtung sucht nach der geheimen Botschaft in allen Dingen. Und das, was in der Natur als hässlich angesehen wird, bietet oft mehr Charakter als das, was als schön bezeichnet wird. Weil in aller Missbildung, in allem Verfall die innere Wahrheit stärker scheint als in Eigenschaften, die geordnet und gesund sind.

Und es ist alleine die Kraft des Charakters, die für die Schönheit in der Kunst sorgt. Es geschieht oft, dass, je hässlicher ein Wesen in der Natur ist, um so schöner wird es in der Kunst.

Es gibt kein ‚hässlich’ in der Kunst, außer das, was ohne Charakter ist, das was keine innere Wahrheit offenbart.

Was auch immer falsch ist,, was künstlich ist, was verlangt hübsch zu sein eher als ausdrucksstark, was launenhaft ist und affektiert ist, was lächelt ohne Grund, was sich biegt oder streckt ohne Grund, was gekünstelt ist ohne Grund; alles das, was ohne Seele und ohne Wahrheit ist; all das ist bloß eine Parodie von Schönheit und Anmut; kurz, alles was lügt ist Hässlichkeit in der Kunst.

Wenn ein Künstler versucht die Natur zu verbessern, wenn er grün zum Frühling dazutut, rot zum Sonnenaufgang, karmin zu den jungen Lippen, schafft er Hässlichkeit, weil er lügt.

Wenn er die Grimasse des Schmerzes abschwächt, die Gesichtslosigkeit des Alters, die Grässlichkeit der Perversion, wenn er die Natur ausrichtet – verschleiernd, verstellend, zügelnd um dem dummen Publikum zu gefallen – dann erzeigt er Hässlichkeit weil er die Wahrheit fürchtet.

Er ist sogar ein Vertrauter der Natur. Die Bäume, die Pflanzen sprechen zu ihm wie Freunde. Die alte knorrige Eiche spricht zu ihm von ihrer Freundlichkeit für die die Menschheit die sie schützt unter ihren Ästen. Die Blumen unterhalten sich mit ihm durch das elegante Schaukeln ihrer Stiele, durch den singenden –Ton ihrer Blütenblätter – jede Blüte im Gras ist ein freundliches Wort, das die Natur an ihn richtet.

Für ihn ist das Leben eine nicht endenwollende Freude, ein ewiges Vergnügen, eine verrückte Berauschung. Es ist nicht so, dass alles für ihn gut ist, weil das Leiden, das oft zu denen kommen muss, die er leibt und auch zu ihm selbst, seinem Optimismus grausam widerspricht. Aber es ist alles schön für ihn, weil er für immer m Licht der geistigen Wahrheit wandelt.

Ja, der große Künstler, und damit meine ich den Dichter so wie den Maler und den Bildhauer, findet sogar im Leid, im Tod geliebter Menschen, im Verrat von Freunden, etwas das ihn mit einer lüsternen und doch tragischen Bewunderung erfüllt. (Korrigiert, nach Anmerkung von mohan)

Seine Ekstase ist manchmal schockierend, aber sie geschieht, weil sie die andauernde Bewunderung der Wahrheit ist.

Zuletzt geändert von Walter Pall am 24.03.2006, 22:03, insgesamt 1-mal geändert.
Meine Beiträge und Bäume dürfen gerne kritsch beurteilt und diskutiert werden.
Aber bitte nicht unbedingt mit mir.

mit freundlichen Grüßen
Walter Pall
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Beitrag von mohan »

Und was möchtes Du uns mit dieser Übersetzung sagen?
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Walter Pall
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Beitrag von Walter Pall »

mohan hat geschrieben:Und was möchtes Du uns mit dieser Übersetzung sagen?
Monika,

dass man jedes Wort auf die Bonsaikunst übertragen kann. Ich tu das auf jeden Fall.
Meine Beiträge und Bäume dürfen gerne kritsch beurteilt und diskutiert werden.
Aber bitte nicht unbedingt mit mir.

mit freundlichen Grüßen
Walter Pall
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Beitrag von mohan »

Das hatte ich angenommen, Walter.

Diese Absätze erscheinen mir irgendwie "drangefügt", sprechen sie von dir bzw. willst du deren Inhalt auf dich als Gestalter/ Künstler beziehen?
Ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass diese "Charakterisierung" allgemein auf alle Bonsaigestalter zu übertragen ist.
:arrow:
Er ist sogar ein Vertrauter der Natur. Die Bäume, die Pflanzen sprechen zu ihm wie Freunde. Die alte knorrige Eiche spricht zu ihm von ihrer Freundlichkeit für die die Menschheit die sie schützt unter ihren Ästen. Die Blumen unterhalten sich mit ihm durch das elegante Schaukeln ihrer Stiele, durch den singenden –Ton ihrer Blütenblätter – jede Blüte im Gras ist ein freundliches Wort, das die Natur an ihn richtet.

Für ihn ist das Leben eine nicht endenwollende Freude, ein ewiges Vergnügen, eine verrückte Berauschung. Es ist nicht so, dass alles für ihn gut ist, weil das Leiden, das oft zu denen kommen muss, die er leibt und auch zu ihm selbst, seinem Optimismus grausam widerspricht. Aber es ist alles schön für ihn, weil er für immer m Licht der geistigen Wahrheit wandelt.

Ja, der große Künstler, und damit meine ich den Dichter so wie den Maler und den Bildhauer, findet sogar im Leid, im Tod gelobter Menschen, im Verrat von Freunden, etwas das ihn mit einer lüsternen und doch tragischen Bewunderung.

Seine Extase ist manchmal schockierend, aber sie geschieht, weil sie die andauernde Bewunderung der Wahrheit ist.
Zuletzt geändert von mohan am 24.03.2006, 11:57, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag von Walter Pall »

Monika,

die Absätze sind jeder für sich ein Einzelzitat aus dem Buch. Die sind ganz lose und ungeordnet. Die haben mit jedem Künstler zu tun. Vielleicht auch mit mir, aber das ist belanglos in diesem Zusammenhang. Sie haben mit JEDEM ernsthaften Bonsaikünstler zu tun.

Die Zitate erklären sehr gut, was der Unterschied zwischen Kunst und Kitsch ist und wie ein ernsthafter Künstler grundsätzlich an die Bonsaigestaltung herangehen sollte. Sie erklären auch warum man durchaus einen Grossteil der Bonsai als Kitsch bezeichnen kann.Sie sind halt nicht so ganz einfach zu lesen. Jedenfalls erklärt Rodin, wie er and die Skulptur herangegangen ist. Und der ist DIE Lichtgestalt der Skulptur. Bonsai ist Skulptur.
Zuletzt geändert von Walter Pall am 24.03.2006, 12:04, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag von mohan »

Danke.
Ja, jetzt kann ich tatsächlich mehr mit deinem Beitrag anfangen.
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Beitrag von mohan »

Die Rodin-Zitate sind wirklich toll und ich mag eigentlich die "Unterhaltung" nicht stören, doch stolpere ich immer wieder über diese eine Sache
Ja, der große Künstler, und damit meine ich den Dichter so wie den Maler und den Bildhauer, findet sogar im Leid, im Tod gelobter Menschen, im Verrat von Freunden, etwas das ihn mit einer lüsternen und doch tragischen Bewunderung.
Fehlt da nicht was?
Und heisst es tatsächlich "gelobte"? (ist aber nicht so wichtig).
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Beitrag von Walter Pall »

Tja Monika,

das war ein Test, ob das auch wirklich jemand liest. :lol:

Der Satz heisst so:

"Ja, der große Künstler, und damit meine ich den Dichter so wie den Maler und den Bildhauer, findet sogar im Leid, im Tod geliebter Menschen, im Verrat von Freunden, etwas das ihn mit einer lüsternen und doch tragischen Bewunderung erfüllt."

Danke für den Hinweis.
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mit freundlichen Grüßen
Walter Pall
gunter

Beitrag von gunter »

Noch mal zu Andreas Ludwig, andreaffm und der Frage nach den abstrakten Bonsai. Der folgende Baum scheint mir in diese Richtung zu tendieren. Wenn ich ihn sehe, denke ich nicht mehr an einen Baum. Sehr schön ist die Kombination mit der Kalligraphie. Beide sind verwandt.
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BONSAIart 61, "Gott des Windes" von Iura Koo und Takeo Kawabe
BONSAIart 61, "Gott des Windes" von Iura Koo und Takeo Kawabe
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