in Deutschland sind die Sommerferien im vollen Gange und die Forenaktivitaet naehert sich dem Einschlafniveau. Also hab ich hier mal was zum Nachdenken fuers Sommerloch:
Gestern schrieb ich eine E-mail an den allseits bekannten Walter Pall und auf seinen Vorschlag hin habe ich mich nun entschlossen diese hier zu veroeffentlichen.
Ich habe zwar schon im Vorhinein drueber nachgedacht, aber ich wollte mich doch zuerst vergewissern, dass ich nicht voellig daneben liege.
Hier also die ungeschnoente, ungeschnitte E-Mail, 1 zu 1 wie sie Herr Pall gestern erhalten hat , quasi der Uncensored Cut (ein paar Rechtschreibfehler sind korrigiert, war spaet geworden und ich wurde wohl hier und da betriebsblind).
Also muss ich ,der Vollstaendigkeit halber, alle unter 18 bitten den Thread zu verlassen, oder wir halten einfach alle dicht und ihr koennt auch mitlesen!
Am 06.07.2011 15:40, schrieb Marius Klein:
Sehr geehter Herr Pall,
ich befinde mich zur Zeit wegen eines Auslandspraktikums in Suedaustralien und habe folglich viel Zeit mich gedanklich mit Bonsai zu beschaeftigen.
Etwa Mitte letzter Woche habe ich dann angefangen die Best of Bonsai Beitraege im BCD [korrigiere BFF] durchzulesen. Was da an Komedie auf hohem Niveau Ihrerseits (vorallem mit Reiner Goebel) geboten wurde - herrlich!
Aber dann bin ich doch zwischendrin auf einen Artikel gestossen, in dem Sie die schlechte Stellung Deutschlands innerhalb der europaeischen Bonsaiszene aufzeigen.
Zunaechst hab ich mir nicht viel dabei gedacht, aber gestern bin ich erneut auf einen anderen Artikel gestossen, in dem Sie weitere Ausfuehrungen bezueglich dieses Themas anfuehren.
Seit dem ging mir dies nicht mehr aus dem Kopf...
Irgentwie hab ich die angeborene Eigenschaft, dass mir immer in den scheinbar unnoetigsten Momenten Loesungsansaetze einfallen, so wie heute morgen auf dem Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad. Nahja beim arbeiten brauchte ich nicht viel nachzudenken, viel Platz war da auch nicht, denn mein Kopf war kreativ und ich spinnte weiter und hab mal einiges zusammengetragen, was meiner Meinung nach ein LoesungsANSATZ sein koennte, der erklaert warum die deutsche Bonsaiszene im Hintertreffen ist:
Die Menschheit quaelt seit jeher die Frage nach dem WARUM, so auch mich:
Ich habe mich also gefragt, was macht die Italiener und Spanier besser als uns Deutsche?
Fangen wir also ganz ganz klein an:
-Deutschland: rund 82 Millionen Einwohner
-Italien: rund 61 Millionen Einwohner
-Spanien: rund 47 Millionen Einwohner
Deutschland hat also mit WEITEM Abstand die meisten Einwohner.
Rein theoretisch koennen demnach viel mehr Menschen mit Bonsai in Kontakt kommen, viel mehr Menschen sich ernsthaft damit beschaeftigen und viel mehr Bonsaimeister aus der breiten Masse hervorgehen als in den anderen beiden Laendern Suedeuropas - rein theoretisch
Werfen wir einen Blick auf die Wirtschaft:
Deutschland als Vorreiter, der Motor der europaeischen Wirtschaft - Spanien und Italien dagegen am Rande der Zahlungsunfaehigkeit.
Was macht uns also so stark in der Wirtschaft, was hat uns schon immer so stark und relativ kriesenresistent gemacht, warum gilt "Made in Germany" weltweit als absolutes Qualitaetssiegel?
-unbedingter Arbeitswille
-Innovationsgeist
-genaues Arbeiten
Wenn man sich diese Staerken betrachtet sollte man ja meinen Deutschland haette optimale Vorraussetzungen um nicht nur die Spitze der europaeischen Wirtschaft, sondern auch die Spitze der europaeischen Bonsaiszene zu sein...
Jetzt koennte man die aeusserst gewagte These stellen:
Sind deutsche Ingenieure also potenziell gute Bonsaigestalter?
Schauen wir uns also einmal an, was einen guten Ingenieur auszeichnet:
-unbedingter Arbeitswille
-Innovationsgeist
-genaues Arbeiten
-EHRGEIZ
Ein guter Ingenieur ruht sich nicht auf Erfolgen vergangener Tage aus. Etappenerfolge werden gefeiert, ja, aber das Aktuelle ist nie gut genug, er hat gleichzeitig schon neueres, besseres, innovativeres fuer die Zukunft im Auge.
Ist nun also der anhaltende Fachkraeftemangel in Deutschland Schuld an der Miesere in Sachen Bonsai? Sollten wir es nicht begruessen, wenn die Regierung darueber nachdenkt Fachkraefte aus dem Ausland zu verpflichten, taete der Bonsaiszene ja vielleicht auch ganz gut?!
Also warum ist es nun so, dass die wenigen wirklich guten Bonsaigestalter Deutschlands meist nicht Ingenieur von Beruf sind?
Ausser den oben genannten Eigenschaften muss es also noch was anderes geben, was einen zu einem wirklich guten Gestalter machen kann und das ist das Kunstverstaendnis!
Manche haben es einfach, es ist angeboren, sie gestalten intuitiv - andere haben es lange gelernt.
Gibt es nun Leute, die alle diese 5 Eigenschaften ganz oder teilweise in sich vereinen koennen, so sollten diese ja, rein theoretisch natuerlich, die perfekten Bonsaigestalter sein.
Wie koennen nun Leute mit Kunstverstaendnis gute Bonsaigestalter werden?
Zum einen koennen sie natuerlich Kunst nach bestehenden Regeln einfach kopieren. Ist dann nicht innovativ und selbstbewusst, eher konservativ und zurueckhaltend - wenn gut gemacht zwar Kunst, aber eher langweilig weil bekannt.
Oder sie koennen Kunst weiterentwickeln!
Das sind dann meist selbstbewusste Menschen mit viel Innovationsgeist, zumeist von der breiten Masse unverstanden, teils sogar bekaempft weil sie eben neue Wege gehen, die oft kontraer zu dem jetzigen stehen, die den Wert der jetzigen Kunst gefaehrden koennten. Es sind eben Avongardisten.
Jetzt muesste man ja auch davon ausgehen, dass Ingenieure Kuenstler sind! Sind sie meiner Meinung auf eine andere Art und Weise auch, denn sie erschaffen immer etwas Neues, nie dagewesenes. Da gehoert neben viel Wissen auch gehoerig viel Kreativitaet dazu und ihre Werke kann man auch in zahlreichen Museen besichtigen (z.B. Autos, Flugzeuge etc.)
Aber zurueck zur eigentlichen KERNFRAGE:
Warum steht die deutsche Bonsaiszene dort (unten) wo sie heute steht?
Offensichtlich muss es neben den oben diskutierten positiven Vorraussetzungen gravierende Hemmungen/Einschraenkungen geben, die unsere aktuelle Stellung hervorrufen.
Da faellt einem bei Deutschland ein negativer Aspekt sofort bruehwarm ein, die allgegenwaertige BUEROKRATIE:
Haben die zahlreichen Gesetze, Regelungen und Vorschriften sich so eingebrannt, dass der deutsche Bonsaianer,im Vergleich zu den weniger burokratisierten Suedlaendern, eher dazu neigt nach der gewohnten strengen Fuehrungshand zu greifen und in der Lethargie der japanischen Schule der 60ziger gefesselt zu bleiben?
Spielt vielleicht mit rein, ist aber aeusserst schwer zu beurteilen ob und in wie fern... also denken wir weiter:
Weiter oben im Artikel habe ich bereits erwaehnt, dass die wenigen wirklich bedeutenden Bonsaigestalter deutschlands zumeist innovative und SELBSTBEWUSSTe Menschen sind.
Dazu moechte ich gerne einen weiteren Vergleich anstellen, keine Angst diesmal was ganz schlichtes aus dem Alltag:
Durch die EU ist es sehr einfach geworden innerhalb Europas zu reisen, zu arbeiten und zu wohnen. Da der junge Mensch seit jeher gerne feiert, egal ob aus Sued-, West-, Ost- oder Mitteleuropa, finden sich alle irgentwann in einer Diskothek zusammen.
Boabachtet man nun unsere Interessengruppe (Deutsche, Italiener und Spanier), so kann man auf der Tanzflaeche doch einen gehoerigen Unterschied feststellen!
Foran die temperamentvollen Suedlaender. Mit unfassbaren Optimismus und teils schier unglaublichem Selbstbewusstsein, ja oftmals schon Ueberheblichkeit machen sie die Tanzflaeche unsicher, keine 5 Minuten und jede zweite Frau auf der Tanzflaeche hat ein paar warme Worte ins Ohr gefluestert bekommen.
Auf der anderen Seite die Deutschen. Eher zurueckhaltend, zumeist an der Theke anzutreffen. Erstmal abwarten, ein paar Bier werden die Kommunikationsfaehigkeit schon steigern, aber wie die Frauen antanzen?...
Also eine eher pessimistische bis bestenfalls realistische Vorgehensweise.
Selbiges Phaenomen laesst sich uebrigens auf saemtliche Arten von Nachtclubs, Bars, Kneipen, ja alle Plaetze wo sich die breite Gesellschaft trifft uebertragen, denn dort treffen sich Menschen aus allen Bevoelkerungsschichten und es sind ganz sicher auch einige Bonsaianer drunter
Uebertraegt man diesen Denkansatz nun auf die deutsche Bonsaiszene so muss man sich folgende Frage gefallen lassen:
Mangelt es den Deutschen vielleicht einfach an Selbstbewusstsein um besser zu werden, oder sind sie unzugaenglich fuer Neuerungen, oder gar schlichtweg zu dumm?
Letzteres schliesse ich kategorisch aus, da spricht nun wirklich alles dagegen. Zweitletztes ist da schon was anderes, dass koennte der Denkansatz mit der Buerokratie schon erklaeren.
MANGELNDES SELBSTBEWUSSTSEIN in der breiten Masse ist meiner bescheidenen Meinung nach der Hauptgrund fuer unsere schlechte Stellung innerhalb Europas.
Nun muss man ja nicht den teils ueberheblichen, ja schon proletenhaften Optimissmus der Suedlaender pflegen, nein, da faehrt man mit gesundem Realismus gepaart mit einer guten Portion Selbstbewusstsein viel besser, weil glaubhafter.
Preist man seine Baeume erstmal an wie ein Prolet, so muss man schon ein sattes Pfund in der Hinterhand haben um dieser (selbst gemachten) Erwartungshaltung gerecht zu werden - wird man es ihr nicht so wirkt man ganz schnell laecherlich und man ist weg vom Fenster.
Als Realist weiss man jedoch um die Staerken und Schwaechen seiner Baeume und was noch viel wichtiger ist, man weiss wo man sie und VORALLEM SICH im Wettbewerb einzuordnen hat.
Weiss man erstmal um seine Schwaechen, so hat man sich ja schon Fehler eingestanden, man ist also grundsaetzlich schonmal bereit diese zu verbessern -> Was neues zu lernen!
Paart man das jetzt noch mit einer guten Portion Selbstbewusstsein, dann stehen die Vorraussetzungen zum guten bis sehr guten Bonsaigestalter schon ziemlich gut, denn man hat schlichtweg das noetige Vertrauen in seine Werke um diese der Oeffentlichkeit zu praesentieren und ist offen fuer konstruktieve Kritik.
Schaut man sich nun die wenigen deutschen Ausnahmegestalter an, die die in der Spitze Europas, vereinzelt vielleicht Weltweit was zu melden haben, dann wuerde ich diese doch genau wie oben zusammenfassend beschrieben charakterisieren:
-realistisch
-gesund optimistisch
-innovativ
-selbstbewusst
-fleissig
-praeziese, zielorientiert arbeitend
Und nicht zu vergessen auch UEBERHAUPT GEWILLT Spitze in Europa zu sein. Wer weiss, vielleicht gibt es in Deutschland vielmehr Gestalter auf europaeischem Spitzenniveau wie man so annimmt, sie wollen es nur der Oeffentlichkeit einfach nicht zeigen und begnuegen sich mit der Freude ihrers Hobbys im eigenen Garten.
Dazu fehlt mir allerdings die Erfahrung um das zu beurteilen, darum vertraue ich Ihnen einfach und gehe davon aus, dass es nicht so ist, da sie die guten deutschen Bonsaigaerten und Gestalter recht gut kennen.
Die Bonsaiszene ist eine kleine Familie, jeder kennt sich, also sind meist auch die guten Gestalter bekannt und sie kennen sich wiederum auch untereinander.
Lieber Herr Pall, wenn Sie bis jetzt immer noch dabei sind und Ihnen vor Langeweile noch nicht die Augen zugefallen sind oder gar vor Schrecken die Haare zu Berge stehen freut mich das schon sehr.
Nun ist mir durchaus bewusst, dass das was ich da in meinem jugendlichen Leichtsinn mal so locker flockig vom Stapel gelassen hab ganz schoen harter Toback ist und ich mich damit in meiner Position gefaehrlich weit aus dem Fenster lehne!
Als 20 jaehriger Amateur habe ich weder die Erfahrung, noch das Wissen oder gar das Recht mich zu diesem brisanten Thema ueberhaupt zu aeussern, aber zum Glueck herrscht ja Meinungsfreiheit in Deutschland und mich wird niemand verurteilen - zumindest nicht vor Gericht.
Bei den gemachten Aussagen ist genauestens drauf zu achten, dass das alles MEINE JETZIGE eigene ganz bescheidene Ansicht der Dinge ist, also bitte nicht als allgemein werten.
Jetzt ist es natuerlich sehr gut moeglich, dass das was ich mir da in meiner mehr oder weniger freien denkfreien Zeit zusammengesponnen hab voelliger Bloedsinn ist.
Nun gehoere ich nicht zu denen die beleidigt sind wenn sie Gegenwind bekommen, nein er ist ausdruecklich erwuenscht! Wenn das was ich da geschrieben hab Schwachsinn ist, dann lassen Sie es mich bitte wissen und klaeren Sie mich auf, denn nur das bringt mich weiter!
Ich habe mitlerweile gelernt, dass es aeusserst hilfreich ist, die aelteren Erfahrenen um Rat zu fragen. Eine vielleicht einfache, offensichtliche Einsicht, aber ich habe mehrmals Leergeld dafuer bezahlen muessen, weil ich meinen eigenen Weg gegangen bin, anstatt mir von erfahrenen Leuten (meistens die Eltern) etwas sagen zu lassen und das war auch verdammt gut so!
Diese Erfahrungen muss man meiner Meinung nach machen, nur so entwickelt man sich weiter, nur so verbessert man sich.
Also bitte verbessern sie mich wenn oben Angefuehrtes schlichtweg Stuss ist, denn ich gehoere zu denen, die noch etwas lernen wollen.
Ueber eine Rueckmeldung wuerde ich mich wirklich sehr freuen!
Mit freundlichen Gruessen
Marius Klein
PS:
Ich selbst bin uebrigens der Meinung, dass das was ich hier niedergeschrieben hab durchaus Hand und Fuss hat und mit Abstand das Beste ist, was ich mir je im Oberstuebchen zu einem solchen Thema zusammengeschustert hab.

