Wie baut man/ihr einen Baum auf?

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Bonsaifann
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Wie baut man/ihr einen Baum auf?

Beitrag von Bonsaifann »

Ich habe hier im Forum gelesen, dass es im Grunde nicht möglich ist, an allen Bestandteilen eines Baumes zeitgleich zu arbeiten und diese zu entwickeln. Ich für mich teile den Baum in drei Ebenen, die man bearbeiten muss. Wurzelballen, Stamm und Krone. Gibt es eine etablierte Vorgehensweise, was man als erstes bearbeitet? Meine Überlegung ist, dass der Wurzelballen als erstes in Form gebracht werden muss und der Rest "vernachlässigt" wird. Denn wenn der Wurzelballen schön verzweigt ist und ein brauchbares Nebari geschaffen ist, dieser mit einer erhöhten Leistung den Baum und die Krone besser versorgen kann und so ein besseres Wachstum gefördert wird.

Wie ist da eure Meinung?
Servus, der Dominik
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achim73
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Re: Wie baut man/ihr einen Baum auf?

Beitrag von achim73 »

grundsätzlich richtig.
ich nehme an, wir reden jetzt von projekten, die bei null anfangen, also jungpflanzen.
man sollte aber, was den stamm und die krone angeht, von anfang an einen plan haben, was die grundsätzliche form und größe angeht.
wenn man alles einfach wachsen, lässt wird man in den meisten fällen einen geraden, unverjüngten stamm mit unpassenden astansätzen erhalten.
also sollte man auf jeden fall den wichtigen, unteren stammbereich sowie die ansätze der untersten, wichtigsten äste im auge behalten.
je nach art ist eine formgebung nach der verholzung nur noch schwer möglich.
ansonsten ist es halt immer
turbowachstum = schnelle entwicklung von stamm und ballen, aber große schnittstellen VS
langsamer aufbau = weniger schnittstellen, aber längere entwicklungszeit.
Gruss, Achim
"Der kürzeste Weg zum Glück ist der Weg in den Garten"
chinesische Weisheit
hwolf
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Re: Wie baut man/ihr einen Baum auf?

Beitrag von hwolf »

Interessantes Thema.
Diese Sachen sind ja aus den verschiedensten Blickwinkeln schon in Fachliteratur und in den modernen Medien abgehandelt. Ob das aber immer so objektiv und sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt. Ich fange hier mal an, ein paar Gedanken aufzuschreiben. Alle natürlich auch subjektiv und nicht der Weisheit letzter Schluss. Würd ich einfach mal zur Diskussion stellen.

Wenn wir von der Entwicklung von Jungpflanzen zu Bonsai sprechen wollen, gibt es mE nicht drei, sondern sechs Bereiche:
  • Wurzeln
  • Stammbasis
  • Primärverzweigung/Struktur/Stammauflösung
  • Verzweigung
  • Krone
  • Gefäß
Was nun die Reihenfolge, oder eine mögliche Strategie zur Entwicklung anbelangt, gibt es unterschiedliche Philosophien, die alle ihre Berechtigung haben.
Achim sagte es schon: Die maßgebliche Unterscheidungslinie liegt zwischen Bäumen mit oder ohne 'Fehlstellen'. Das kann Todholz, Narbe, "Fehler im Aufbau" oder übermäßige Knubbelbildung aufgrund von Wachstumsunregelmäßigkeit sein. Je nach Art gibt es jeweils ein Spektrum, in dem sich Fehlstellen vermeiden lassen.

Ganz prototypisch würde ich mal die beiden Farhpläne für die respektiven Baumtypen aufstellen --

Mit Fehlstellen:

1. Stammbasis
2. Struktur/Auflösung
3. Wurzeln 1 - Radialer Ansatz
4. Auflösung 2 - Todholz/Substammstruktur/Reduktion
5. Verzweigung
6. Wurzeln 2 - Verzweigungen
7. Krone
8. Gefäß (Wurzeln 3 - Kompakter Ballen)

VS

Ohne Fehlstellen:
1. Stammbasis
2. Wurzeln 1 - Radialer Ansatz
3. Struktur/Auflösung
4. Gefäß (Wurzeln 2 - Kompakter Ballen)
5. Verzweigung
6. Krone

Das nur mal als Entwurf aus meiner Richtung.

Lieben Gruß
Heinrich
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abardo
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Re: Wie baut man/ihr einen Baum auf?

Beitrag von abardo »

achim73 hat geschrieben: 21.04.2021, 08:17 ansonsten ist es halt immer
turbowachstum = schnelle entwicklung von stamm und ballen, aber große schnittstellen VS
langsamer aufbau = weniger schnittstellen, aber längere entwicklungszeit.
Nicht immer -> viewtopic.php?f=6&t=49625
Grüße, Frank
___________
Ich will nur noch hupen !
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bonsaiheiner
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Re: Wie baut man/ihr einen Baum auf?

Beitrag von bonsaiheiner »

Als bekennender Anhänger des Aufbaus von Jungpflanzen möchte ich noch einen weiteren Aspekt anmerken :
Wenn ich zurückdenke, ärgert mich schon, dass ich die unterschiedlichen Wuchsformen von Laub- und Nadelgehölzen in deren und meiner Jugend zu wenig berücksichtigt habe. Vor 40 Jahren wurde alles abgespannt, Hauptäste sollten durch waagrechten Verlauf Alter suggerieren, ohne Unterschied ob Laub- oder Nadelbaum. Dabei ist doch ziemlich klar, dass, wenn man sich z.B. eine Linde oder eine Ulme in der Natur anschaut, diese spezies in ihrer Ast/Substammentwicklung immer zuerst einen aufrechten, zum Himmel gerichteten, dem Licht zugewandten Wuchs entwickeln. Gilt im Prinzip auch für Nadelbäume, aber bei denen ist ein waagrechte Ausrichtung der Hauptäste durch niederdrückende Schneelast im Winter glaubhafter. Bei blattlosen Laubbaumästen entfällt das Argument mit der winterlichen Schneelast.
Dieser Gedanke ist wichtig, weil eine Fehlausrichtung nach Jahren und Jahrzehnten kaum bis gar nicht mehr korrigierbar ist.
Heinrich hat das mit "Primärverzweigung/Struktur/Stammauflösung" in seiner Zusammenstellung zwar berücksichtigt. ich möchte diesen Punkt aber besonders hervorheben.
Von Anfang an einen Plan zu haben, ist immer wichtig (Achim), sonst verhunzt man manch hoffnungvolles Junggehölz, wenn man nur schneidet, damit die Pflanze klein bleibt.
Also raus in den Park, in die Natur und verinnerlichen, wie die Natur dort den Aufbau gelöst hat. Daß dabei die Natur auch manchmal korrigiert werden muss, ist ein anderes Thema.
Ein Tag ohne Beschäftigung mit Bonsai ist ein verlorener Tag!
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Bonsaifann
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Re: Wie baut man/ihr einen Baum auf?

Beitrag von Bonsaifann »

Bemerkenswerte Aspekte.

@ Heinricht: Wenn du von Stammbasis sprichst, wie unterscheidest du das dann von dem Wurzelansatz bzw. wie nimmst du auf diesen Einfluss. Meines Erachtens ist die Stammbasis nicht direkt formbar sondern lediglich über die Entwicklung des Wurzelballens und damit des Wurzelansatzes.

Wenn man dann aber vom Entwickeln des Wurzelansatzes spricht, würde das im Umkehrschluss bedeuten, dass der Baum jedes Jahr umgetopft werden muss damit ein Wurzelschnitt erfolgen kann. Das widerspricht sich mit den Aussagen, dass der Baum so lange nicht umgetopft werden solll, wie sein Wachstum ungehindert funktioniert.
Servus, der Dominik
hwolf
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Re: Wie baut man/ihr einen Baum auf?

Beitrag von hwolf »

Nja ich habe den Begriff gewählt, weil es ja möglichst universell für so ein Schema sein sollte. Japaner sagen Tachiagari zu etwas ähnlichem, manche hierzulande Stammfuß, Naturalisten nennen es Hauptstamm, Strukturalisten Primärlinie. Nur bestimmt all das nicht darüber, wie der Baum darunter, daneben, darüber aussieht UND mal aussehen soll. Stammbasis meint in meinem Fall das Stück Baum, das oberhalb des Wurzelansatzes beginnt und beim Ansatz des ersten Astes endet. Das Stück, was wirklich das Holz ausmacht, die Stammdicke definiert und eigentlich nur durch ungebremstes, starkes Wachstum auf ökonomische Art und Weise erzeugt werden kann. Ökomomisch deshalb, weil dieser Teil des Baumaufbaus entweder schnell gehen kann, wie in meinem Beispiel mit den "Bäumen mit Fehlstellen" oder ein ewiger Prozess ist bei den besonderen Bäumen, die vom Sämling an in flachen Schalen kultiviert werden.
Bonsaifann hat geschrieben: 21.04.2021, 13:08 Das widerspricht sich mit den Aussagen, dass der Baum so lange nicht umgetopft werden solll, wie sein Wachstum ungehindert funktioniert.
Ich wüsste nicht, warum man beim Entwickeln eines Wurzelansatzes dazu gezwungen wäre, jährlich umzutopfen und mir geht auch nicht auf, warum ich einen Baum nicht umtopfen sollte, obwohl er gut wächst. Wenn ich weiß, was ich tue, kann ich tun, was ich will, wann ich es will. Je nach Ziel und Zweck und Strategie. Und nach Lust und Laune, und zB verfügbarer Zeit oder Anlass. Wenn ich weiß, was ich tue, tu ich alles mit dem Baum - Ich glaube darauf kommt es wirklich an.

Die obere Aussage gilt für Leute, denen es noch am notwendigen Verständnis für die Natur der Sache fehlt. Da ist Entschleunigung angesagt. Lernen, hinzuschauen, Acht zu geben, sich zurück zu nehmen. Auf den Baum hören - Das ist in mehreren Aspekten hilfreich - für Baum und Pfleger. Deshalb erst umtopfen, wenn der Baum es Dir zeigt. Aber darum ging es ja in diesem Thread gar nicht.

Nochmal zurück zum Schema: Wenn ich sage "Nr. X: Wurzeln 1" meine ich damit, eine radiale Wurzelbasis anzulegen. Also Pfahlwurzel kappen oder zu hohe und zu niedrige Wurzeln entfernen, Wurzeln ordnen, Ablaktionen vornehmen, oder auch eine gute Ausgangssituation für flachen Wuchs erzeugen (Fliese unterlegen oder dgl.). Der Baum kann dann trotzdem ohne weiteres erstmal fünf Jahre in einer großen Kiste oder im Freiland oder oder oder vor sich hin wachsen. Häufige Wurzelschnitte und das Erziehen eines leistungsfähigen Ballens mit hohem Anteil an Feinwurzeln ist nicht förderlich für das wachstum allgemein, sondern für gute Versorgung in einem (flachen) kleinen Gefäß. Deshalb kommt für mich dieser Schritt immer erst, nachdem der Baum in seiner Struktur entwickelt wurde.

Ich hoffe, das macht etwas klarer, was ich meine.

LG
h
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