KHarry hat geschrieben:
Die Vorgänge in 'der Natur' laufen nicht geplant oder zielgerichtet ab. Denken und Planen tut der Mensch - wenn auch unvollkommen und fehlerhaft.
Christoph, mit "Vorgänge in der Natur" meint Harry in diesem Zusammenhang natürlich evolutionäre Prozesse und nicht Soffwechselvorgänge innerhalb einer Zell. So gesehen hat er aus evolutionstheoretischer Sicht vollkommen recht.
Für die Evolution des Lebens ist unsere Erde ein riesiges Reagenzglas. In der Evolutionsgeschichte sind Mutationen niemals Zielgerichtet. Sie können harmlos sein, können aber auch extrem dramatische Folgen, ja, den kompletten Umbau der Biosphäre zur Folge haben.
Ich erinnere in diesem Zusammenhang nur an die "Erfindung" der Photosynthese. Als Abfallprodukt wurde von den ersten photosynthetisch aktiven Organismen Sauerstoff in die Umwelt verklappt. Für das Leben, wie es bis zu diesem Zeitpunkt auf der Erde vorherrschte, war Sauerstoff ein hoch effizientes Zellgift. Nur langsam, über Jahrmillionen konnte sich das Leben daran anpassen.
Ein weiteres Beispiel ist die "Erfindung" von Lignin, also Holz, einem Polymer, für das es lange Zeit keinen Destruenten gab. Es gab also nicht, wie heute, Pilze und Bakterien, die sich über dieses hart zu knackende Molekül hermachen konnten. Die Folge davon waren gewaltige Berge von Baumleichen, die wir heute als Kohle nutzen. Durch das Nicht-verotten der Baumleichen wurde der Atmosphäre nach und nach immer mehr CO2 entzogen, was eine dramatische Klimaveränderung auf der Erde zur Folge hatte.
Mit diesen Beispielen möchte ich nur verdeutlichen, wie unberechenbar Mutationen sind und damit die Evolution voranschreitet. Für die Biosphäre hat es so immer wieder heftige, selbstverursachte Einschnitte gegeben, auf die sich das Leben immer wieder einstellen musst. Das ist für das Leben im Prinzip kein Problem - nein, seine Plastizität ist geradezu kennzeichnend für das Leben.
Nur eines muss man bei all dem bedenken - wir sprechen hier von Zeitdimensionen, die sich kein Mensch wirklich vorstellen kann. Das Leben ist ca. 3500 mal eine Million Jahre alt! In solchen Dimensionen hatte das Leben immer wieder genug Zeit sich neuen Gegebenheiten anzupassen. Der Mensch bevölkert die Bühne des Lebens in erdgeschichtlichen Dimensionen erst seit allerkürzester Zeit. Große Veränderungen der Biosphäre hat er nie erlebt. Und dennoch schickt er sich an, mit der Gentechnik neue Keimbahnen in die Natur zu entlassen, deren Wirkung auf unsere hochkomplexen irdischen Ökosysteme er nicht kennt ... nicht kennen kann, da er die Komplexität unserer Ökosysteme noch nicht einmal im Ansatz verstanden, geschweige denn überhaupt erkannt hat.
In diesem Zusammenhang möchte ich nachdrücklich daran erinnern, dass Wissenschaftler auch nur Menschen sind, die niemals fähig sein können die Vielfalt der Folgen ihres Tuns, selbst mit hoher Sachkenntnis, umfassend abschätzen zu können, schon allein aufgrund der mangelhaften Kenntnis unserer natürlichen Umwelt.
Ist es nicht blanker Chauvinismus, einerseits das natürliche Artengefüge der Erde nachhaltig zu zerstören, und andererseits mit Mitteln der Gentechnik und neuerdings auch der Synthetischen Biologie eine vermeintlich bessere Welt erschaffen zu wollen?