Bonsais haben mich seit vielen Jahren gewissermaßen als "platonisches Hobby" gepackt. "Platonisch" deswegen, weil es mir meine beruflichen Reisen, meine Familie und meine anderen Hobbies einfach nicht erlauben, jeden Tag zuverlässig ein paar Stunden mit der Brause um meine Bäumchen herumzuspringen. Trotzdem bleibe ich dem Thema treu, einerseits lesend in diesem Forum, als baum-interessierter und reisender Biologe und staunend vor der tollen Sammlung eines Bekannten, andererseits aber auch "ein bisschen aktiv" als Gestalter unserer paar Zimmerbäume (Ficus, Annona, Guave), als Töpferer (eines meiner konkurrierenden Hobbies) und ab und zu auch als "In-Obhut-Nehmer" von Zufalls-Yamadoris (einen davon hatte ich hier schon mal vorgestellt).
So ein Zufalls-Yamadori war auch der Spitzahorn, den mein Sohn vor drei Jahren vom Pausehof der Grundschule anschleppte. Irgendein Mitschüler hatte ihn aus einer Pflasterritze gerissen, und mein empörter Youngster steckte ihn prompt in einen herumstehenden Pot auf unserer Terrasse. Von der Gestaltung etc. her ist er wohl nicht besonders der Rede wert (dazu muss man wissen, dass ich bei diesem speziellen Baum das Thema "Schneiden" nicht mal in den Mund nehmen darf... Aber was mich schon fasziniert, ist die Härte dieses Baums: er steht meistens in der Sonne auf unserer Terrasse, wird extrem unregelmäßig mitgegossen und während des Urlaubs an einer schattigen Stelle ins Gras gesetzt. Dennoch macht sich das Bäumchen, treibt ein bisschen, hat kaum Ungeziefer, bringt inzwischen ganz nette kleine Blätter...
Es mag sein, dass bestimmte Ahorne einfach hart im Nehmen sind - aber darauf wollte ich hier eigentlich nicht hinaus - dieser Baum ist nur exemplarisch gemeint. Was mich immer wieder ins Grübeln bringt, ist die Diskrepanz zwischen den trockenen und kargen Bedingungen, denen gerade der typische bonsai-taugliche Yamadori in der Natur ausgesetzt ist, und dem extremen Pflegeaufwand, dem er dann als Bonsai unterzogen wird. Besonders was das Substrat angeht, springt mir da ein Widerspruch ins Auge: Yamadoris stehen oft in steinhart gebackenem Lehm (der aber natürlich auch recht lange Wasser speichern kann); der Standard-Tipp für Bonsaisubstrat ist aber "durchlässig", typischerweise in Kombination mit "zweimal täglich überbrausen"...
In diesem Zusammenhang grüble ich auch über den Ursprung der Techniken: ist gerade in Japan aufgrund des humiden Klimas der Gieß-Aufwand geringer, entspricht verhärtetes Akadama wieder dem natürlichen Lehm-Standort und entlastet den Pfleger?
Hintergrund meiner Diskussionsanregung ist die Beobachtung, dass viele Leute (mich inklusive) sich nur sehr reduziert mit Bonsai befassen, weil sie das "andauernde Gießen" einfach nicht gewährleisten können. Geht es vielleicht auch in vielen Fällen anders?
(Mich erinnert diese Fragestellung etwas an die Aquaristik, bei der gerne pauschal "möglichst häufiger Wasserwechsel" empfohlen wird. Eine häufige und fatale Folge davon sind Blaualgenprobleme, die vielen Anfängern dieses Hobby gründlich verleiden. Ein sanfteres, low-tech Herangehen bringt da extreme Vorteile).
Mich hätten eure Erfahrungen mit "Minimal-Pflege-Ansätzen" extrem interessiert, und vielleicht stehe ich da auch nicht alleine da.
Viele Grüße,
Stefan




