SteSt hat geschrieben:Ich glaube der Baum ist kein gutes Beispiel um darüber zu diskutieren ob er gefällt oder nicht, da er so viele verschiedene Facetten, Gesichter, Details hat!
Gerade darum! Stefan - ich sehe all das auch, was andere bemängeln. Etwa die Wurzelplatte, die wie ausgelaufener Teig daliegt und nach meinem Empfinden erst noch zur falschen Seite hin verbreitert ist. Ich sehe den arg geraden Stamm, ich sehe die Absurdität des Kaskadenastes und vor allem sehe ich die Dissonanz, die die geleckte Haube auf diesem romantischen Gewucher bewirkt.
Aber ich sehe auch, wie im Zusammenwirken alle diese Dinge zu einer spannungsgeladenen Einheit werden, die den Zuschauer komplett überrascht. Dieser Baum ist nicht angelegt, harmonisch und altehrwürdig zu wirken, er
soll sperrig sein, er soll uns auf uns selbst zurückwerfen, unsere Sehgewohnheiten in Frage stellen (was etwas Gutes ist - man wird so schnell alt, stur und behäbig!). Darum mag ich zum Beispiel die 95er-Krone weniger - sie war zu stringent auf einem so absurden Unterbau (ganz abgesehen davon kann ich mir gut denken, dass Tanaka eines Tages sagt: «Das reicht jetzt» und sie wieder reduziert...).
Was mich aber wirklich begeistert, sind diese zahllosen Spuren von Alter, die auf jedem Zentimeter sichtbar sind. Man beachte doch, wie der Hauptstamm langsam den Nebenstamm zu sich nimmt, mit ihm verschmilzt. So etwas dauert Jahrzehnte! Man beachte, wie sorgsam diese absurde Teehaube ausgebaut ist - wer hier traute sich das zu? Oder die Borke, nur so an sich, für sich, die feinen Risse in der Wurzelplatte.
Ich sehe solche Dinge oft synästhetisch, auch das hier. Mir kamen spontan zwei Dinge in den Sinn. Das eine ist der Auftakt zu «Richard III» von Shakespeare, den ich dramaturgisch genial finde, weil er mit dem Wort «Now» beginnt, gesprochen vom (buckligen!) Richard. Was für ein Kunstgriff: «Zack - da bin ich, hört mir zu!» Das andere ist
das hier. Man beachte die «Risse» in der Komposition, die bewusst launig gehaltenen Themenwechsel, die virtuosen Verzierungen (Feinverzweigung), die pathetischen Themen (Stämme, Hauptast) gegenüberstehen. Diese Ballade entstand 1835, sieben Jahre nach Beethovens Tod (nur so zum Beispiel). Wetten, dass da einigen übel wurde beim Hören?
Doch, man soll das diskutieren! Sonst machen wir hier noch in hundert Jahren «Bonsai».