Odoridori hat geschrieben:Hallo Thierry,
gute Beipiele für schlechtes künstliches Altern ...
Ich gebe Dir völlig recht und es ist unsere Europäische Ungeduld die so etwas hervor bringt.
Eben um so etwas zu vermeiden lässt man in Japan Totholz reifen. Mochi Komi kommt über viele
Jahre, vielleicht Jahrzehnte und ist auch nicht mit abflammen und Samurai Werkzeugen für mich
überzeugend nachzugestalten ...
Viele Grüße
Holger
Hallo Holger,
so ist es. Leider.
Und das gilt nicht nur für Totholz, sondern ist ein allgemeines kulturelles Problem: Reife, Patina (oder Mochikomi wie die Japaner dazu sagen), usw., beziehen sich nicht aussschliesslich auf Bonsai, sondern sind auch Teil einer Kultur, und unsere Kultur hier wiederstrebst sich diesen Merkmalen wie Patina, usw., einen Platz zu geben - noch schlimmer ist es hier in D. wo in jedem Garten die Patina, welche sich mit den Jahren auf Steine, usw., setzt, mit dem Kracher weggestrahlt wird (weil der Mann sich mit seinem Karcher in der Hand stärker fühlt...

), und alles muss nicht nur sauber sondern rein sein! Es heisst ja nicht umsonst in der Werbung für Waschmittel: nicht nur sauber, sondern rein. Das ist ein sehr tiefes kulturelles Problem, und erklärt vieles, es erklärt u.a. warum wir in unseren Länder einen so schwierigen Bezug zur Reife/Patina haben.
Kleine Anekdote:
Als wir das Anwesen erworben haben, und umgezogen sind, haben wir unsere schönen alten Granitsteine und -Laternen mitgenommen, die früher im Steingarten standen. Unsere Nachbarin, als sie die Steine und Laterne sah, die dank der Jahre unserer Geduld eine einmalige Patina angesetzt hatten, fragte sie mich, warum ich die Steine nicht sauber mache. Du kannst dir vorstellen, wie der Schlag mich getroffen hat... 11 Jahre Patina in 5 Minuten mit dem Kracher vernichten??? Selbstverständlich habe ich nicht mal versucht ihr zu erklären, was denn Patina ist, da wäre unmöglich und völlig sinnlos gewesen, das hätte sie nie verstanden...
Das ist zwar eine kleine Anekdote, zeigt aber wie tief das Problem in unserer Gesellschaft ist. Deshalb ist es ja kein Wunder, dass wir einen so schwierigen Bezug zur Reife, Patina, Mochikomi haben...
Man könnte lange die möglichen Erklärungen ergründen, warum wir hier, im Gegesatz zu andere Länder wie Japan, lieber schnell die Makita rausholen, anstatt sich erstmal zu fragen: braucht denn mein Baum wirklich Totholz? Nicht umsonst sagt Takeo Kawabe seinen Schülern in Frankreich immer, bei der Frage bzgl. Totholzgestaltung: Sei ihr euch sicher, dass euer Baum Totholz braucht? Und er ist ja bekanntlich quasi "totholzbesessen", wie ich und Davy auch, und trotzdem... Solche Fragen stellen sich leider zu wenige Bonsaianer, und noch schlimmer sind die Gestalter bei ihren Demos die bereits vorhandenes Totholz ruinieren... Totholz welches die Natur geschaffen hat, kann man nie wieder ersetzen. Und beim Kopieren kann man noch so gut sein wie man will im Umgang mit Maschinen und Handwerkzeuge, aber die Natur ist und bleibt der Beste Totholzgestalter aller Zeiten. Bis das eines Tages in die Köpfe manch einer reinkommt, dauert es aber noch ein bisschen...

Sehen wir es positiv, und mit Humor (man muss ja nicht immer alles so toternst nehmen), vielleicht kaufen die Japaner eines Tages deutsche Maschinen um Totholz zu gestalten, wer weiss?
Viele Grüsse,
Thierry