Oha, jetzt geht es hier ja richtig rund,

aber der Reihe nach...
face95 hat geschrieben: [...]Danke für deine ausführliche antwort![...]
Hi Johanna,
kein Ding, gerne! Falls noch etwas unklar ist, einfach fragen, ich denke mit Pflanzenbeleuchtung kenne ich mich ein bisschen aus. (und nein, ich habe nichts mit den Typen und ihren Dröhntannen-Anbau zu tun.

)
chris-gitarre hat geschrieben:[...]Das habe ich schon öfters gelesen das die 865er die bessere ist![...]
Hi Chris,
meinst du besser als die 965? Oder wegen der Farbtemperatur - sprich im Vergleich zu einer bspw. 840er?
Den Vergleich zur 965 steht ja oben, du holst einfach mehr Lumen / einen höheren PAR-Wert aus gleich viel Watt raus. Mehr Licht bei gleichen Stromkosten.

Auf die Farbtemperatur bezogen: Schauen wir mal grob auf die Details - grob deswegen, weil in die Farbtemperatur von Licht einfach zu viele Faktoren reinpfuschen können.
Sonnenlicht an einem klaren Vormittag/Nachmittag hat etwa 5500K, morgens/abends so 5000K und blauer Himmel nordwärts, schattiert ab 8000K aufwärts. Im bezahlbaren Rahmen und überall erwerbbar ist ein Leuchtmittel mit 6500K da einfach am nächsten dran, auch wenn es ein blaueres (kälteres) Licht abstrahlt als das Optimum(5500K). Aber speziell bei Bonsai ist dies sogar von Vorteil! Dazu muss man wissen, dass warmes, energiearmes Licht neben der Blüten-/Fruchtbildung das Längenwachstum einer Pflanze begünstigt. Ein kaltes, energiereiches Licht jedoch fördert hingegen einen kompakten, gedrungenen Wuchs.
Wenn man will, kann man die Farbtemperaturen mischen indem mehrere Leuchtmittel eingesetzt werden: beispielsweise 2x 865 und 1x 840 mit 4000K - unter so einem Mischlicht kommt man den 5500K ziemlich nahe.
chris-gitarre hat geschrieben:Ist das jetzt wirklich so?
Okay, tauchen wir noch etwas tiefer in die Materie ein:
3 Begriffe sind hier relevant:
PAR-Wert - wie schon erwähnt, die photosynthetisch aktive Strahlung (Lichtspektrum der Wellenlänge 400-700nm)
LCP = Lichtkompensationspunkt - An diesem Punkt ist genau so viel Lichteinstrahlung vorhanden, damit die Pflanze bei der Photosynthese die gleiche Menge Kohlenstoffdioxid verbraucht, wie sie durch die Atmung wieder freisetzt.
Kurz gesagt: Die Pflanze überlebt, sie wächst nicht, stirbt aber auch nicht. Überschreitet man diesen Punkt, kann die Pflanze durch das mehr an Licht mehr CO² in Zucker umwandeln, dadurch legt sie an Nettomasse zu - die Pflanze wächst. Unterschreitet man diesen Punkt, verbraucht die Pflanze durch die Atmung mehr Zucker, als durch die Photosynthese gewonnen werden kann. Folglich stellt sie das Wachstum ein, stößt unter Umständen Blattmasse ab und ernährt sich schließlich von den eingelagerten Reserven. Das geht - je nach Pflanzenart - über Tage, Wochen Monate gut, aber irgendwann sind die Reserven alle.
LSP = Lichtsättigungspunkt - An diesem Punkt ist das Maximum der Photosyntheseleistung erreicht, eine noch höhere Lichteinstrahlung bringt nichts mehr. Wird der Punkt extrem überschritten, schädigt es sogar die Pflanze.
Ich gehe jetzt nur mal auf
Ficus benjamina ein, da sind mir die Werte bekannt:
Bei diesem Ficus wurde – je nachdem welche Studie man als Quelle hernimmt – ein
LCP von 15-25 µmol/s/m² ermittelt. Also diesen Wert sollten wir durch die Beleuchtung überschreiten, wenn wir aktives Wachstum wollen. Deswegen habe ich oben bei dem Röhrenvergleich den PAR-Wert der Lampen angegeben. Schwieriger – damit diskussionswürdig - wird es in zwei Fällen:
1.) natürliches Sonnenlicht wird mit Kunstlicht gemischt. Will man hier exakt wissen ob man zusätzlich beleuchten muss/soll und in welcher Stärke, müsste man den vorherrschenden PAR-Wert schlicht und einfach messen (oder überschlagsmäßig errechnen – siehe Beitrag von Jour).
2.) wenn man nicht zwingend auf aktives Wachstum aus ist. Nehmen wir als Beispiel die eine 865er T8 Röhre mit ihren 16 µmol/s/m². Möglicherweise reichen diese ja aus, das Aufbrauchen der eingelagerten Nährstoffreserven so weit zu verlangsamen, bis der Ficus im kommenden Frühling wieder das volle Sonnenlicht genießen darf.
Nebenbei, um zu verdeutlichen was Reflektoren bringen: erreichen wir einen Reflexionsgrad von 85% (was durchaus möglich ist) erhöht sich der PAR-Wert der exakt selben Lampe auf ~32 µmol/s/m² (gerechnet auf eine Fläche von 100x60cm) und wir sind selbst mit einer Lampe über dem LCP!
Als Bezugspunkte kann ich noch zwei weitere Eckdaten anführen:
a) der
LSP von
Ficus benjamina liegt – wiederrum je nach Quelle – bei
600-700 µmol/s/m². Daran sieht man ganz gut, dass man mit künstlicher Beleuchtung eher im unteren Bereich des Möglichen rangiert. Außer man leistet sich eine Beleuchtungsanlage die einige Kilowattstunden am Tag verbrät – sinnvoll? Eher nicht…

b) ein Wert unter 5 µmol/s/m² scheint für einen Ficus sehr kritisch zu sein. Fällt die Lichtintensität anhaltend darunter, werden die Reserven so schnell aufgebraucht, dass sich eine ansonsten gesunde Pflanze innerhalb 4-5 Wochen in den Pflanzenhimmel verabschiedet.
chris-gitarre hat geschrieben:Ich kann halt nur eine Benutzen. Aber auch nur in Glühbirnenform.
Ich gehe davon aus Glühbirnenform beinhaltet auch eine normale Energiesparlampe?
Damit kannst du natürlich ebenfalls ordentlich beleuchten. Eine ESL ist ja nichts anderes als eine Leuchtstoffröhre um ein paar Ecken gebogen.

Wenn für dich die Stromkosten okay sind, kannst du zu einer höheren Wattzahl greifen. Auf die Schnelle fällt mir von Philips die Tornado Reihe ein, beispielweise mit 42 Watt 2850 Lumen, oder 60 Watt 4300 Lumen – Lichtfarbe Daylight (6500K). Dazu ebenfalls einen Reflektor besorgen, die Lampe waagrecht über den Pflanzen platzieren - nicht senkrecht und nur knapp über die Baumspitzen. Damit erhöhst du die Lichtausbeute deutlich! Mit ESL + Reflektor leuchtet man halt eher eine quadratische Fläche aus, mit LSR eine rechteckige.
Jour hat geschrieben:Ich schliesse mich StevenCA's Meinung an, und kann es mit einer überschlagsmäßigen Rechnung auch nachvollziehen. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass diese sehr überschlagsmäßig ist.
Überschlagsmäßig sind solche theoretischen Rechnereien ja irgendwie immer. Bei den Werten wie Lumen verlasse ich mich auf die Datenblätter der Hersteller und hoffe diese stimmen halbwegs. Wie viel Lux, bzw. PAR schlussendlich bei der Pflanze ankommen hängt von so vielen Faktoren ab… wird Kunstlicht mit natürlichem Licht gemischt, werden Reflektoren an der Röhre angebracht, erhellt die Lampe das ganze Zimmer oder steht die Pflanze in einem geschlossenem Raum mit reflektierenden Wänden, welche reflektierenden Materialien werden dabei eingesetzt, usw.. bis hin zu der Frage wie alt das Leuchtmittel ist. Ich denke, insgesamt wir sind da auf der gleichen (Licht) Wellenlänge.
So, ich hoffe ich habe das Ganze einigermaßen verständlich geschrieben

, falls nicht einfach nachfragen. Oh man, was ein Text...
