Kolumne XI: Warum gibt es Streit in Foren ?
Ein Grund unter vielen ist, dass hier Männer und Frauen untereineinander schriftlich kommunizieren und nicht im Zwiegespräch. Und die Anonymität in einen Forum gerne verschleiert, wer Mann oder Frau ist.
Männer definieren sich zumeist über die Zugehörigkeit zu ihrer Horde, verschliessen ihre innere Gefühlswelt, die sie als anstrengend empfinden und schalten sich lieber über andere Männer gleich. Dabei werden Monologe gehalten, Wissen zu einem Konsenz gebracht, damit der Leiter der Gruppe dann diese als Gesetz übernimmt und alle anderen Männer belehrt. Das bringt die Horde voran. Gleichzeitig existiert aber eine immerwährendes Konkurrenzgerangel. Da wird sich aufgeplustert, pauschalisiert und provoziert, um die Hackordnung in Schwung zu halten. Das ist normal und akzeptiertes Sozialverhalten (solange es nicht explizit unfair ist) in der Männerriege. Als Teil seiner Gruppe findet der Mann sein Selbst.
Frauen definieren sich jedoch eher über ihre innere Gefühlswelt. Fakten werden mit Erfahrungen in Verbindungen gebracht und mit anderen Frauen ausgetauscht, indem sie sich über die Gefühlswelt anderer Frauen informieren und diese mit ihrer eigenen abgleichen. Verständnis auf der gesamten Linie und gleichzeitig immerwährende Reflexion. Auch das bringt die Horde voran.
Natürlich gibt es Männer und Frauen in allen möglichen Abstufungen auch mit männlichem und weiblichem Sozialverhalten und was heutzutage Konsenz im Sozialverhalten ist unterscheidet sich deutlich von vor 100 Jahren. Nur verstehen Männer und Frauen oft noch nicht, dass das andere Geschlecht anders tickt. Ein gutes Beispiel war eben in Heikes Thread "Igel mit Schildkröten" zu lesen.
holgermueller schrieb: "die Schale geht gar nicht", eine normale Aussage für einen Mann. Wirklich. Ganz normal unter Männern. Pauschal gemacht wartet er auf eine Reaktion der Horde, auf eine Erwiderung der anderen Männer, gerne etwas zugespitzt, um zu erfahren, wo die Gruppe steht.
Die korrekte Antwort darauf in einer Männerhorde wäre gewesen: "Klar geht das, Heike hats ja gemacht". Was ein bisschen witzig ist, seine Aussage "in die Ecke" stellt und somit entschärft und klar macht, das nicht jeder so denkt. Damit kann ein Mann leben. Oder eine Abstimmung, wers doof finded und wer nicht. Die Mehrheit siegt. Dann weiss er, ob er Recht hatte oder nicht und fühlt sich in beiden Fällen wohl. Das Ergebniss wird ins Kollektivwissen der Horde übernommen und anschliessend von allen beteiligten Männern als erledigt abgehakt und vergessen.
Was heisst aber "die Schale geht gar nicht" nun für eine Frau ? Hier wird nicht nur Ihre Kompetenz in Frage gestellt, sondern auch ihr Geschmack und somit ihre Gefühlswelt. Und zwar pauschal. Die Aussage lässt ihr keinerlei Interpretationsraum, ist absolut. Und ist somit ein direkter Angriff auf ihr Innerstes, für eine Frau wird hier ihre Person komplett in Frage gestellt.
Und da gibt es für Frauen kaum etwas Schlimmeres. Das rüttelt sozusagen am persönlichen Fundament. Was bleibt der Frau dann übrig ? Entweder zieht sie sich heulend zurück und lässt sich von anderen Frauen trösten, beraten und beruhigen oder teilt gehörig und nun auch überzogen aus, haut verbal zurück.
Letzteres empfindet der Mann aber wieder als unfair, was hat er denn gemacht, ausser mit einer pauschalen Aussage seine Gruppe zu befragen ? Und jetzt wird nicht seine Aussage auseinander genommen, sondern plötzlich er selbst ("ungezogen" ist er plötzlich = hält sich nicht an die Gruppenregeln) und er weiss, das das in seiner Horde nicht toleriert wird. Aus der Horde darf der Mann aber bloss nicht ausgeschlossen werden, sondern nur befördert oder degradiert, damit kann der Mann leben. Aber Verbannung (was einem "mimosenhaften" Mann schonmal drohen kann) ? Das wäre sein sozialer Tot. Jetzt muss er argumentieren und monologisieren, um wieder in der Gruppe aufgenommen zu werden. Und wehrt sich.
Der Streit eskaliert. Der eine muss also nur verstehen, das die Aussage null persönlich gemeint ist, der andere, dass pauschale Aussagen verletzend aufgenommen werden. Beides ...
... "geht nämlich gar nicht".
P.S.: ... wenn ich jetzt das hier Geschriebene noch einmal überfliege, sehe ich doch recht deutlich, wie oft ich mich selbst als typischer Mann verhalte und wieder nur schwafelnd Monologe halte. Mann hört sich halt gerne reden
Eins noch: für Männer sind so etwas Diskussionen, die irgendwann zu einem Ergebniss kommen. Der Weg, wie man zu einem Ergebniss gekommen ist, wird dann mangels Speicherkapazität sofort vergessen. Frauen vergessen so etwas aber nie
