Salü Artur,
Man sieht deine 9 jährige Gestaltung an dem Baum. Hübsche Arbeit!
Je länger ich den Baum betrachte desto mehr drängt sich mir die Frage auf; wo hat es eigentlich hingehen wollen und wo geht es tatsächlich hin?
Du hast die Äste gekonnt in eine "alpine" Position gesenkt und die Zweige sehr schön ausgefächert.
Auch den Nebari stellst Du hübsch zur Schau.
Ebenfalls den Stamm, mit seinen fast erotischen Kurven stellst Du durchgehend eindrücklich in den Mittelpunkt.
Alle Einzelteile sind gekonnt ausgearbeitet und man sieht dem Baum an, dass er geliebt wird.
Ich habe den Luxus, dass ich aus der Ferne die Gestaltung beurteilen darf und ich hoffe inständig, dass Du meine Ansichten und Vorschläge nicht in den falschen Hals bekommst.
Ich weiss, als Nichtbeteiligter an der Arbeit und Pflege, lässt es sich leicht lästern über eine Arbeit.
Aber wenn ich mich an meine Bonsaijahre zurückerinnere hat mich das Lästern Anderer immer am stärksten beeinflusst besser zu werden. Leider war das viel zu selten, denn niemand will offen dem Vorstand ans Bein pinkeln und so musste ich mir Kritiken immer mit Anschleichen zusammenklauen.
Also möchte ich einige umherschwirrende Gedankenfetzen einfangen, diese etwas ordnen und mit dir teilen.
Gut, ich fange mal beim Stamm an; er ist wohl abenteuerlich geschwungen aber die Hauptäste nehmen den Schwung nicht wirklich auf und daher verpufft diese visuelle Energie am zweiten Hauptast rechts.
Beim Nebari ist es eindrücklich wie er sich nach rechts in die Erde krallt.
Stellt nun der Bonsai einen Solitär dar der auf ebenem Boden wächst, stellt sich mir die Frage: Was könnte die Ursache für so einen einseitigen Kraftakt sein? Daraus leite ich die Folgerung ab, dass eine geometrische Schale mit horizontaler Erdoberfläche vielleicht nicht zwingend das Richtige sein muss.
Beim Gesamteindruck sticht mir ins Auge, dass die an sich hübsche Krone, ganz leicht wie ein Fremdkörper über einem krummen Stiel thront. Das wird vom nachfolgenden Kritikpunkt erklärt.
Die Kronenspitze schlängelt sich mit kleinen Kurven schräg aufrecht gegen den Himmel.
Irgendwie erscheint sie mir weder authentisch noch plausibel. Denn ist der Baum gestaucht und niedergedrückt von den Unbillen der Natur, müsste dieser Teil auch irgendwie beeinträchtigt sein und nicht fröhlich, in jugendlicher Frische, aus der Gestaltung rauswachsen.
Das wären meine vier Lästerpunkte und selbstverständlich kann man meine Ansichten verreissen, das Gegenteil behaupten usw..
Wir müssen ja hier nicht einen Konsens finden sondern lediglich Gedanken austauschen.
Aber mein Lästern wäre nichts Wert ohne Lösungen für die angesprochenen Punkte anzudeuten. Aber das sind auch sehr persönliche und zum Teil abstrakte Ansichten ohne Rücksicht auf deine Vorarbeit.
Den ersten Ast links würde ich soweit einkürzen, dass er hauptsächlich einen Background bildet und kein seitliches Gegengewicht zur Stammkrümmung darstellt.
Der zweite Hauptast rechts, würde nach einer stärkeren Stammkrümmung etwas senkrechter runterschauen. Das erklärt sich aus meiner Vorstellung, dass ich den Baum in eine Schieflage, in eine virtuelle Felswand eintopfen würde, wo das Nebari sich nach rechts aufwärts, in den Abhang krallt.
Die Lange Kronenspitze würde ich auf einen Stumpen einkürzen und mit relativ wenig Grün einen dichten, aber kleinen Baumspitz bilden.
Ergo käme ein Bunjin in einer Mondschale heraus.
Soweit meine Hirngespinste.
Gruss George