Hallo Zusammen,
ich will mich der Frage „Welche Dinge sind zwingend, dass es Bonsai ist“ auch stellen.
Für mich gehört zu Bonsai zwingend die Pflanze (
Baum), die aber nicht natürlich einfach irgendwie gewachsen ist, sondern durch die gestalterischen Eingriffe des Menschen (
Gestalter/in) zu dem wurde, was sie ausstrahlt und in einem speziell für den visuellen Eindruck gestalteten Gefäss (
Schale) sitzt. Dabei haben alle drei Elemente (Baum, Gestalter, Schale) eine Persönlichkeit. Die Dinge zum Bonsai müssen für mich vom Gestalter oder der Gestalterin
bewusst gewählt werden. Es braucht eine innige Auseinandersetzung des Gestaltenden mit der Pflanze, eine Hingabe. Das muss ich als Betrachter bei einem Bonsai spüren.
Es gibt für mich also die drei physischen/stofflichen Elemente aber auch noch immaterielle Komponenten, die Bonsai ausmachen.
Ein/ zwei Fragen kreisen immer wieder in meinem Kopf herum und ich finde darauf keine schlüssige Antwort:
- Ist es ein Bonsai, wenn er nicht be(tr)achtet wird - und im Umkehrschluss nicht gezeigt wird?
- Ist das Geniessen (betrachten, zeigen/ausstellen) nicht Teil des Bonsais?
Ich meine damit nicht unbedingt die Teilnahme an Ausstellungen oder Veranstaltungen. Es geht mir um das bewusste Betrachten, das Wahrnehmen seiner Qualitäten, der Stimmung, die er ausstrahlt. Das kann auch in kleinem Rahmen zuhause (bei mir z.B. auf dem Esstisch), im Garten, auf dem Balkon oder wo auch immer stattfinden. Muss der Gestalter oder die Gestalterin nicht zwingend bei ihrer Arbeit vor und während des Gestaltungsprozesses den Baum aufmerksam studieren und analysieren? Ist dieser Punkt also nicht schon alleine dadurch erfüllt?
Mit der begrifflichen Übersetzung
Bonsai aus dem Japanischen könnte auch jede Kübelpflanze gemeint sein; also das Zitronenbäumchen im Holzkübel im Schlosspark oder die Hochstammfuchsie im Terracottatopf auf einer Steintreppe vor einem Herrenhaus. Doch ich denke, da gehe ich mit den Mitlesenden einig, dass das
nicht Bonsai ist. Also braucht es hier mehr, respektive eine Präzisierung oder begriffliche Einschränkung:
- Dass es eine verholzende Pflanze sein muss?
Das sind die aufgezählten Beispiele der „Nicht-Bonsai“ auch.
Dass es auszuschauen hat wie ein Baum in freier Natur?
Bei der Definition würden wohl einige anerkannte Bonsais durchfallen. Und was ist ein Baum in freier Natur? Eine verholzende Pflanze mit markantem Stamm und Ästen, die eine Krone bilden? Das träfe mindestens auf die Kübelzitrone auch zu.
Der Baum wird gestaltet, um einen Ausdruck zu erlangen. Er kann altehrwürdig wirken, oder elegant, oder beeindruckend durch dicke Stämme, oder gepeinigt durch Naturgewalten, oder kräftig und stark...da gibt es schier unendliche Erscheinungen.
Mit dem Pflanzgefäss soll dieser Ausdruck, die Stimmung die der Baum ausstrahlt, verstärkt werden. Mal ist die Schale die Palette für die Andeutung einer Landschaft, mal bildet sie das Gegengewicht oder den ruhenden Pol bei einer stark bewegten Szenerie. Sie vervollständigt das Werk des Gestaltenden und schliesst es ab, wie der Bilderrahmen.
Der Gestalter oder die Gestalterin sind die Dirigenten, die alles nach ihrem Empfinden orchestrieren. Sie entscheiden über die einzelnen Komponenten und den darin enthaltenen Aussagen. Sie komponieren die Stimmung des Bonsai. Ihre Haltung und ihre Absichten sind ins Werk eingeschrieben. Ihre Persönlichkeit, ihre Baumvorstellung drückt sich explizit in jedem Werk aus.
Der Versuch Bonsai zu fassen habe ich noch nicht abschliessend beenden können. Es ist ein Prozess ähnlich wie Bonsai selbst. Ob mir das je gelingen wird?
Jedenfalls hoffe ich auf weitere Beiträge in der Auseinandersetzung „was ist Bonsai“.
viele Grüsse,
Ro