Thomas P. hat geschrieben:
So, jetzt sind wir wieder beim Thema.
Das, was Sie da jetzt beschreiben, dieses Heer von Künstlern, hat aber irgendwo eine Basis bzw. hat irgendwo mal angefangen als Hobby. Die sind nicht als Bonsaikünstler auf die Welt gekommen, sondern haben irgendwann mal als Bonsaideppen , um bei dem Begriff zu bleiben, angefangen.
Thomas,
von Bonsaideppen würde ich an deiner Stelle nicht so oft schreiben. Das ist nicht nett und auch nicht fair. Falls das aus einem früheren Beitrag von mir kommt, dann könntest Du ihn Dir bei Gelegenheit noch einmal durchlesen, damit wir von den ‚Deppen’ weg kommen . (Nicht das lesen, was du gerne verstehen MÖCHTEST, sondern, das ,was da steht; nur so als Fingerzeig.)
Davon abgesehen ist es natürlich richtig, dass alle einmal klein angefangen haben. Die Frage ist, wie dann einige groß geworden sind. Welche Mechanismen sorgen dafür, dass es neben einer breiten Basis eine starke Spitze gibt? Oder erfolgt das automatisch? Wenn eine breite Basis eine starke Spitze von selbst hervorbringt, dann muss man sich vor allem um die Basis kümmern. Dieser Gedanke scheint mir da in der Luft zu schweben. Ich bezweifle, dass eine breite Basis automatisch zu einer guten Spitze führt. Wenn das so wäre, dann stünde Deutschland deutlich besser da. Amerika hat ein ganz breite Basis, aber die Spitze kann sich allein mit Italien nicht vergleichen. Also ein so kleines Land wie Italien mit einer naturgemäß viel kleineren Basis schlägt ganz Nordamerika!
Thomas P. hat geschrieben:Um einen Künstler hervorzubringen, braucht es sicher mehr als 10 Deppen, die es versuchen und dazu noch einen Deppen, der ihnen die ersten Bonsaischritte lehrt. Das Laufen (siehe Anfang der Debatte), bzw der Sport war da ein ein gutes Beispiel.
Da sind also offensichtlich Strukturen aufgebaut worden, die diese Entwicklung in kürzester Zeit befördert haben.
Was man davon öffentlich wahrnimmt kann nur die Krone eines Baumes mit sehr ausladendem Nebari sein.
Wenn man was ändern wollte, müßte man da ansetzen.
Ein guter Baum wird von unten aufgebaut.
Das hört sich so ein wenig nach staatlich gefördertem Sport an, der dann Weltklasse an der Spitze hervorbringt. Im Sport hat das ja funktioniert. Ich meine, dass es in der Kunst so nicht geht. Das Beispiel Italien zeigt es ja. Der Verband ist dort machtlos, die einzelnen Subverbände streiten sich seit Jahrzehnten bis aufs Messer. Von Zusammenarbeit überhaupt keine Rede. Von straffer gesamtitalienischer Führung überhaupt kein Rede. Warum dann der Erfolg? Weil Bonsai grundsätzlich als Kunst begriffen wird. Als Kunst mit der man sich vergleicht. Wo einer besser sein kann als der andere. Als Kunst, die man betreibt um besser zu sein. Es darf Spaß machen, es darf Hobby sein. Muss es aber nicht. Der Spaß ist nicht der Hauptzweck, sondern ein eventuell abfallendes Nebenprodukt. Der Hauptzweck ist die Qualität des Geleisteten. Die Gruppen wetteifern (fast hätte ich bekriegen gesagt) durch Qualität. Durch Qualität die anerkannt wird. In Italien gilt es als das Allerhöchste, eine Auszeichnung bei der jährlichen UBI-Ausstellung gewonnen zu haben. Das wird von einigen ernsthaft höher gestellt, als ein Ginkgo-Award.
Man muss das nicht mögen, was man da so erfährt. Aber es führt zweifellos zu höchster Qualität. Der italienische Verband kann das auch nicht verhindern. Ähnliches sagt man ja vom BCD. Also der Verband richtet bloß den Wettkampf aus. Er kann sich die Erfolge aber nicht auf seine Fahne schreiben.
Das italienische Beispiel zeigt, dass es nicht am schwachen Verband liegen kann, wenn es in Deutschland nicht so voran geht.
Thomas P. hat geschrieben:Um das jetzt mal auf Deutschland zu beziehen, bedeutet das, man hatte einen Baum mit guten Potential, der vernachlässigt wurde und aus der Form gewachsen ist. Irgendwann ist unten dann, so um 1989 herum, ein Nebenast gewachsen mit eigenen Wurzeln, den man 15 Jahre nicht beachtet hat, der aber auch schon eine beachtliche Größe erreicht hat.
Das gute Potential ist immer noch da. Es kann ein Spitzenbaum werden, wenn man ihn von grundauf überarbeitet.
Wenn man um den Baum herumsitzt und ihn bejammert, wird er nicht besser.
Der tiefere Sinn dieser Ausführungen erschließt sich mir nicht sofort. Darf ich verstehen, dass mit dem Nebenast von 1989 die Bonsaiszene in den neuen Ländern gemeint ist. Nun, es hätte freilich zu einer Zusammenarbeit kommen können, wenn beide Seiten gewollt hätten. Ich habe so den Eindruck, dass keine der beiden Seiten da große Lust hatte. Wenn Italien ein Vorbild sein sollte (VON ITALIEN LERNEN HEISST SIEGEN LERNEN!), dann ist das gerade gut so. Der Zwist zwischen Unterverbänden kann ja gerade die Qualität steigern. Ob das nun so sein muss und ob wir unbedingt ausgerechnet von Italien das Siegen lernen müssen, meine ich eher nicht. Ich meine bloß, dass man da nicht herumweinen muss, dass da nichts zusammen gewachsen ist. Das muss nicht! Wenn es nicht will.
Ein Bonsaiclub, der sich als Amateurclub, als Hobbyclub versteht, der von Amateuren für Amateure geführt wird ist schlecht gerüstet, wenn es gar nicht um Hobby geht. Es ist auch nicht weiter schlimm so. Wer große Erwartungen an einen Bonsaiverband legt, der wird enttäuscht sein. Ich erwarte gar nichts, also kann man mich da auch nicht enttäuschen. Nur wer sich selbst hilft, kann da wirklich weiter kommen.
Bonsai ist NICHT zu vergleichen mit einer Sportart, die man vernünftigerweise nur zu mehreren betreiben kann. Bonsai ist eine Angelegenheit für Eigenbrötler, für introvertierte Menschen, für solche, die sich mehr für Bäume als für Menschen interessieren. Da kann ein starker Verband nur störend wirken.
Wir haben den Beitrag damit angefangen, das alle klein angefangen haben und einige dann groß geworden sind. Ich meine, dass es in der Natur eines Hobbyvereines liegt, genau das zu UNTERDRÜCKEN. Alle sollen ihren Spaß haben, alle sollen gleich sein, alle sollen sich lieb haben. Da stören solche Außenseiter nur, die das wirklich ernst nehmen, tierisch ernst nehmen, sogar. Die sind ja irgendwie krank, das sind ja geradezu Deppen. Das ist der Hauptunterschied zu Italien.
Ich habe einmal folgendes gehört:
„In einer Nussschale: Was ist anders in Italien? Wenn einer in Italien Künstler werden will und es auch schafft, dann wird er von der Gemeinschaft hoch gehalten, geradezu verehrt. Er wird als ein Mensch betrachtet und behandelt, der es geschafft hat, was der geheime Wunschtraum jedes Italieners ist. Wenn ein Deutscher, der in einem x-beliebigen Beruf arbeiten könnte, Künstler wird, dann fragt man sich, warum er das tut, warum er im ‚eigentlichen’ Beruf versagt hat. Ja, man geht irgendwie davon aus, dass so einer ein Versager ist. „
Kein Wunder, dass fast jeder italienische Bonsaienthusiast Künstler werden will und dass das in Deutschland eher nicht so ist.
Darüber könnten wir nachdenken. Müssen aber nicht. Wir können uns ja auch damit begnügen, dass es bei uns gemütlicher ist.
Meine Beiträge und Bäume dürfen gerne kritsch beurteilt und diskutiert werden.
Aber bitte nicht unbedingt mit mir.
mit freundlichen Grüßen
Walter Pall